Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
KULTURSOMMER KAARST
(Diverse Komponisten)
Besuch am
5. Juli 2026
(Einmalige Aufführung)
Vom 3. bis zum 5. Juli findet zum vierten Mal der Kultursommer Kaarst statt. In den drei Tagen stellen sich mehr als 70 Künstler auf sechs Bühnen in 45 Auftritten dem Kaarster Publikum vor. Dabei reicht das Programm unter anderem von Lesungen über Kunstausstellungen bis zu musikalischen Aufführungen. Nachdem am Samstagnachmittag Gian Mario Soggiu als Gast von Jeremias Mameghani Werke von Bach und Beethoven am Klavier vortrug, ist am Sonntagmittag der eigentliche Schwerpunkt klassischer Musik in der Rathausgalerie vorgesehen.
Nein, die Rathausgalerie ist kein einladender Konzertsaal, sondern wochentags wohl eher eine Wartehalle für den Rathausbetrieb. Zu beiden Seiten schließen gläserne Fronten ab, zwischen denen jetzt Stuhlreihen aufgestellt sind. Immerhin ist es dem Verein, der den Kultursommer ausrichtet, gelungen, einen Shigeru-Kawai-Flügel zu organisieren. Der bleibt vorläufig im Hintergrund, denn zur Mittagsstunde eröffnet das Laien-Ensemble SoVioGi die klassischen Konzerte. SoVioGi steht für Sopran, Streichinstrumente und Gitarre. Dahinter verbergen sich die Ärztin Claudia Schäfer als Sängerin, der Zahnarzt Reda Rafaat und die Tierärztin Cemile Jakupoglu an der Geige sowie die Lehrerin Katharina Kennemann, die Bratsche und Gitarre spielt. Jakopoglu übernimmt die Moderation und erläutert gleich zu Beginn, dass man im Programm vergeblich einen roten Faden suchen werde, weil die Freunde das spielen, was sie können und was ihnen gefällt. Nach ein paar Melodien aus der Zauberflöte, die die Geiger vortragen, gibt es ein Trio für zwei Violinen und Viola des Forstmeisters, Komponisten und Violinvirtuosen Johann Carl Ditters von Dittersdorf. Das spielerische Niveau ist erstaunlich, und Sopranistin Schäfer steht dem in nichts nach, wenn sie die Vertonung des Gedichts Caro mio ben von Giuseppe Tommaso Giovanni Giordani aus dem 18. Jahrhundert vorträgt. Auch mit dem Wiegenlied Summertime aus der Oper Porgy und Bess von George Gershwin gelingt ihr eine hörenswerte Darbietung. Nach einer russischen Volksweise singt Schäfer die Habanera aus Carmen von Georges Bizet, ehe das Ensemble seinen Auftritt mit Klezmer beendet. Ein gelungener Einstand.

Foto © Michael Zerban
Allmählich versammeln sich auch immer mehr Besucher. Gerade rechtzeitig, möchte man meinen, um einen Höhepunkt des Tages zu erleben. Denn als nächstes tritt die Geigerin Minhee Kim in Begleitung des Pianisten Jeremias Mameghani auf. Mimi, wie Freunde sie nennen, ist in Korea geboren, studierte an der Sunhwa School of Arts und am Yonsei University College of Music, ehe sie ihr Studium an der Musikhochschule Köln abschloss. Heute lebt sie in Europa und Korea, arbeitet als Solistin, Kammermusikerin und Lehrerin. Gerade ist sie aus Brüssel angereist, wo sie ein neues Album aufgenommen hat. Gemeinsam spielen die beiden Werke von Bach, Mozart und Brahms, im zweiten Teil Igudesman, Sarasate und Monti. Neben ihrer musikalischen Brillanz gefällt Kim in ihrer Ausstrahlung. Ein kleiner blauer Fleck am Hals verrät, dass sie sich in den vergangenen Tagen eigentlich schon zu viel zugemutet hat. Anzumerken ist ihr davon nichts. Souverän bewegt sie sich zur Musik, das Instrument eher Teil des Körpers, durchlebt sie ihr Spiel. Das ist eindeutig eine andere Liga. Umso glücklicher dürfen sich die Besucher schätzen, sie beim Kultursommer in Kaarst erleben zu dürfen.
Das gilt auch für Violina Petrychenko, die den nächsten Auftritt übernimmt. Eigentlich in Köln beheimatet, lebt die in der Ukraine geborene Pianistin inzwischen mehr aus dem Koffer, reist zwischen der Ukraine und Deutschland hin und her. Ihr eigener Auftrag lautet, die Musik ukrainischer Komponisten in Europa bekannter zu machen, seit Kriegsbeginn will sie auch die Musiker in ihrem Geburtsland unterstützen. Derzeit läuft ihr Festival Sounds of Ukraine in Köln, zwei Konzerte stehen noch aus, ein letztes wird sie im September im Düsseldorfer Bechstein-Zentrum geben. Heute beschränkt sie ihr meisterhaftes Spiel nicht auf Musik aus der Ukraine. Aus der Suite bergamesque von Claude Debussy spielt sie das Prélude. Nach Werken von Theodor Akimenko, einem ukrainischen Komponisten, gibt es zwei Mazurken von Frédéric Chopin. Clair de Lune heißt nicht nur der Titel des Werkes von Debussy, sondern auch eines der Stücke von Akimenko. Beide interpretiert sie hinreißend. Dazwischen gibt es noch einen Mystischen Traum von Akimenko. Mit drei Mazurken von Sergei Eduardowitsch Bortkiewicz beschließt sie ihren eindrucksvollen Vortrag.

Foto © Michael Zerban
Selbst bei größtmöglicher Virtuosität kann klassische Musik gerade für Menschen, zu deren täglichem Musikbedarf sie nicht gehört, fordernd werden. Dem trägt die Dramaturgie des Tages Rechnung. Mit den beiden Sopranistinnen Désirée Brodka und Esther Mertel betreten zwei Sängerinnen die Bühne, die sich auch den Spaß auf die Fahnen geschrieben haben. Von Brodka ist bekannt, dass sie an der Moderation ebenso viel Freude wie an der Interpretation hat. Und mit Mertel hat sie ganz offensichtlich eine Schwester im Geiste gefunden. Die beiden beginnen ihr Programm mit den Duetten Il giuramento und Amor, voce dei ciel aus Gaetano Donizettis Nuits d’été à Pausilipp. Es bietet sich an, dass Brodka als Intendantin von Music to Go – Oper im Espresso-Format die Gelegenheit nutzt, auf das diesjährige Opern-Open-Air hinzuweisen. Ende Juli geht es Rommerskirchen mit dem Freischütz von Carl Maria von Weber los. In Kaarst gibt es jetzt das Duett Schelm, halt fest von Ännchen und Agathe, nicht ohne entsprechende humorvolle Einleitung. Es folgt Sull’aria aus Mozarts Le nozze di figaro, ehe Klavierbegleiter Mameghani das Thema der A-Dur-Sonate des Komponisten solo spielt.
Mertel zaubert mehr als ein Lächeln auf die Gesichter des Publikums, wenn sie Johann Strauss‘ Schwipslied zelebriert, und Brodka kann mit Elizas Ich hätt getanzt heut Nacht aus Frederick Loewes My Fair Lady neben flottem Gesang auch noch ein paar flotte Tanzschritte hinlegen. Wer den Gassenhauer nicht mehr kennt, wird beim nächsten Duett ganz sicher einen Wiedererkennungseffekt erleben. Die beiden Damen präsentieren das Blumenduett aus Leo Délibes‘ Lakmé mit dem nötigen Schmelz. Den zweiten Teil schließt Mameghani solo mit Schostakovitschs Walzer ab.
Brodka und Mertel nutzen den gesamten „Bühnenraum“, wenn sie das Duett Schöne Nacht, du Liebesnacht aus Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen vortragen. Anschließend sorgt Mertel mit Friedrich Hollaenders Die Kleptomanin für Heiterkeit, während Brodka die Herzen mit Meine Lippen, sie küssen so heiß aus Franz Lehárs Giuditta dahinschmelzen lässt. Als Zugabe haben die drei publikumswirksam das Brindisi aus La traviata von Giuseppe Verdi ausgewählt. Mit diesem prächtigen Pasticcio schließt der vierstündige Klassik-Block im Kultursommer unter rauschendem Beifall. Das Festival selbst wird noch bis in die Abendstunden dauern.
Es ist aller Ehren wert, was die Organisatoren des Kultursommers an Programm auf die Beine gestellt haben. Bleibt ihnen zu wünschen, dass ähnlich Großartiges auch im kommenden Jahr gelingt.
Michael S. Zerban