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FRANCESCA DA RIMINI/GIANNI SCHICCHI
(Sergej Rachmaninow, Giacomo Puccini)

Besuch am
31. Januar 2026
(Premiere)

 

Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen

In der aktuellen Neuinszenierung am Musiktheater im Revier werden zwei Einakter zu einem ungewöhnlichen Doppelabend zusammengebunden: Francesca da Rimini von Sergej Rachmaninow, die als letzte seiner insgesamt nur drei Opern 1906 am Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführt wurde und aus zwei Szenen mit Prolog und Epilog besteht, sowie die komische Oper in einem Akt Gianni Schicchi von Giacomo Puccini, die 1918 an der New Yorker Met erstmals auf die Bühne kam.

Das ungleiche Paar basiert auf dem fünften Gesang beziehungsweise auf Versen des 30. Gesangs des Inferno aus Dante Alighieris La Commedia. Der zweimal einstündige Abend beleuchtet zwei völlig unterschiedliche Kreise der Hölle: die ewige Verdammnis leidenschaftlich Liebender und die diebische Gier skrupelloser Erbschleicher. Beide Gesänge verdeutlichen Dantes Darstellung der göttlichen Gerechtigkeit, die Sünde in der Hölle durch ewige Wiederholung der Tat in Leid verwandelt.

Trotz der inhaltlichen Klammer könnte der Kontrast zwischen beiden Werken kaum größer sein. Während Francesca da Rimini von leidenschaftlicher Dramatik und spätromantischer, oft als „russische Schwere“ bezeichneter Klangfülle geprägt ist, erweist sich Gianni Schicchi als urkomische Komödie mit bitterbösem Humor und veristisch-expressionistischer Musik.

In Gelsenkirchen stellt sich Regisseur Manuel Schmitt der Aufgabe und sorgt für eine emotionale Achterbahnfahrt von der Hölle der Liebe zur Hölle der Gier. Die kombinierte Inszenierung von tragischem Ehebruchdrama und urkomischer Erbschleicherkomödie gerät allerdings recht ungleich: tiefgründig und emotional die Interpretation der zu Unrecht selten gespielten Oper Rachmaninows, während Gianni Schicchi ein Stück weit zum wuseligen Klamauk verblasst.

Der große italienische Dichter Dante Alighieri selbst steigt in Rachmaninows Oper hinab in die Hölle und begegnet dort, umgeben von verdammten Seelen, einer der berühmtesten Ehebrecherinnen der Kunstgeschichte. Francesca da Rimini verliebt sich leidenschaftlich in Paolo, der anstelle seines Bruders die Ehe mit ihr geschlossen hat. Als ihr Ehemann den Liebenden eine Falle stellt und sie auf frischer Tat ertappt, lässt er sie töten – und verdammt sie damit zugleich zur ewigen Pein. In eben diesem Jenseits wird auch der gewitzte Gianni Schicchi seinen Platz finden: Puccinis Titelheld schlüpft in der gleichnamigen komischen Oper in die Rolle eines kürzlich Verstorbenen, um im Auftrag dessen habgieriger, Trauer heuchelnder Verwandtschaft das Testament zu ändern, sich dabei jedoch selbst den größten Anteil zu sichern.

Für den Operndoppelabend hat Bühnenbildnerin Julia K. Berndt ein Einheitsbühnenbild geschaffen, das als schmales horizontales Band den Bühnenraum auf halber Höhe durchzieht. Der obere Teil der langgestreckten Rückwand ist kühl gekachelt, während das untere Drittel aus einem holzverkleideten Sockel besteht. Vertikal installierte Leuchtstoffröhren und zahlreiche verschlossene Türen führen zu einer rhythmischen Gliederung des Bühnenraums, der kaum Tiefe hat und sich in rätselhaft gemächlicher Geschwindigkeit abwechselnd in Richtung der Seiten verschiebt. Wenige Requisiten wie eine gedeckte Tafel oder ein Bücherberg, aber auch Personenstaffagen werden so in faszinierender Zeitlupe vom linken zum rechten Bühnenrand bewegt.

Während die Ouvertüre vor geschlossenem, mit blauer Lichtkante versehenem Vorhang eine erste akustische Einstimmung erlaubt, füllt sich im Prolog das nüchterne Bühnenband mit expressiv agierender Statisterie. Frauen, in weiße Hemden gekleidet, kauern angsterfüllt in der Raummitte und rennen dann wie von Furien getrieben über die Bühne. Männer in schwarzen Anzügen kommen hinzu und drängen sich den zutiefst Verängstigten zunehmend auf. Was als Akt der Begierde beginnt, verroht zunehmend und führt zu drastischen Darstellungen von Gewalt und Mord. Am Ende einer furiosen Choreografie sinken die Frauen blutverschmiert zu Boden. Eine von ihnen ist Francesca – in Vorwegnahme ihres eigenen Schicksals.

Der Stoff von Francesca da Rimini ist der Urtypus eines Eifersuchtsdramas, der an diesem Abend von Schmitt in beklemmenden Bildern zum Femizid stilisiert wird. Täuschung, unglückliche Liebe und gewaltsamer Tod sind die Parameter jenes Schicksals, das seit Jahrhunderten Inspirationsquelle für die Künste ist.

Die Kostüme von Carola Volles verbleiben dabei in einem Kanon schwarz-weißer Reduktion, der die blutroten Spuren des Mordens eindrucksvoll hervorhebt. Dem Regieteam gelingt die Zeichnung einer infernalischen Dystopie – zutiefst verstörend und zugleich ungemein faszinierend.

Der Dramaturgie und Personenführung der sieben Statistenpaare im Prolog steht die intensive Charakterzeichnung der drei Protagonisten in den beiden nachfolgenden Szenen in nichts nach. Der Konflikt zwischen Francesca und den beiden Malatesta-Brüdern präsentiert sich als hochkonzentriertes Kammerspiel, als Erkundungsreise durch menschliche Seelenräume. Durch die akzentuierte Bildgestaltung ruht der Fokus stets auf dem Wesentlichen und vermag Dantes höllisches Inferno mitreißend nachzuzeichnen.

Dagegen erscheint die durchtrieben-intrigante komische Oper Gianni Schicchi wie ein großes Wimmelbild. Stärker könnte der optische Kontrast im Bühnenbild kaum sein: Der horizontale Bühnenraum ist nun vollgestellt mit Tischen, Schränken, Stühlen und allerlei Gerümpel, das der Suche nach dem Testament hinderlich ist. Die Türen in der Rückwand stehen nun allesamt offen und bieten Raum für ein quirliges Durcheinander des vielköpfigen Bühnenpersonals.

Im Gegensatz zu den reduzierten Farben und Formen der tragischen Oper schöpft man beim Puccini-Einakter aus dem prallen Leben im Stil der achtziger Jahre. Ebenso bunt und vielfältig wie die Kostüme ist die Personenzeichnung. Entsprechend den Vorgaben ergeben sich teils wunderbare Charakterprofile, wobei die Regie eine Tendenz zum Hyperaktiven zeigt. So ist das zappelige Team des Notars mit flackerndem PC schlicht zu viel des Guten. Auch die so effektvolle Drift des Bühnenbands im ersten Einakter gerät im zweiten Teil des Abends unstet und hastig, sodass sich der besondere Zauber der sanft wandelnden Bühne nicht einstellen will. Von der Regie gesetzte Verbindungsglieder zwischen den beiden Stücken wie die Aufwartung Dantes und Vergils in Gianni Schicchi oder umgekehrt des jungen Gherardino in Francesca da Rimini sind Randnotizen. Während der Abend feinsinnig, tiefgründig und emotional beginnt, endet er etwas zu vordergründig, überambitioniert und derb.

Auch wenn dieser Gianni Schicchi im Verbund mit Il tabarro und Suor Angelica als leichter, humorvoller Ausklang des Il trittico gut funktionieren würde, steht er an diesem Abend eindeutig im Schatten einer zutiefst packenden, auch musikalisch fesselnden Inszenierung von Francesca da Rimini.

Der Musik des eigentlich für seine Klavierkonzerte berühmten russischen Komponisten kann man sich kaum entziehen. Rachmaninow formt aus seiner Oper auf dem Gipfel seiner symphonischen Schaffenskraft eine gewaltige Tondichtung mit Gesang: spätromantisch, mit düsteren Farben und beinahe klaustrophobischen Klängen für die Hölle, in die er die Zuhörer unmittelbar hineinzieht und deren Qualen so spürbar macht.

Von Vergil erfährt Dante, was es mit dem höllischen Orkan auf sich hat. Hier leiden die Wollüstigen, deren Klagen ein wortloser Chor drastisch zu Gehör bringt. Ein aus dem Off singender Chor der Verdammten summt Vokalisen und gelangt dabei in symbiotische Nähe zu den Orchesterpassagen. Es entsteht eine eigentümlich faszinierende Klangwelt voller Opulenz.

Der Sängerriege verlangt es enorme Kraft ab, sich gegen die orchestrale Wucht zu behaupten. Susanne Serfling stemmt die überaus anspruchsvolle Titelpartie mit Bravour: schwindelerregende Höhen, glasklar und brillant. Wie schon als Salome an gleicher Stelle, strahlt sie auch als Francesca stimmlich und darstellerisch. An ihrer Seite als Gast Nenad Čiča als Paolo, der mit strahlender Höhe und lyrischer Wärme das gesamte Rollenspektrum makellos ausfüllt. Simon Stricker als Lanciotto Malatesta beherrscht mit durchschlagendem Bariton das Geschehen, gelangt zuweilen an die Grenzen seiner mörderischen Partie. Dennoch gebührt auch ihm große Anerkennung für das Rollendebüt auch differenzierter Zwischentöne. Als Dante und Vergil runden Khanyiso Gwenxane und Phillip Kranjc das Sängerquintett im Prolog überzeugend ab.

Dem wunderbaren Chor des Musiktheaters unter der Leitung von Alexander Eberle gebührt ein besonderes Lob für die beeindruckenden Lieder ohne Worte, gewissermaßen als singendes Instrument der im Höllenkreis verdammten Seelen.

Den Gianni Schicchi verkörpert und vertont Benedict Nelsen überzeugend, erreicht jedoch nicht ganz die überragende Qualität seiner Falstaff-Interpretation. Als seine Tochter Lauretta beeindruckt Sopranistin Heejin Kim mit der Kavatine O mio babbino caro – ein allzu kurzer Moment echter Emotion inmitten höllischer Begehrlichkeiten. Almuth Herbst als Zita ist köstlich intrigant und satt im Mezzo. Ein akustischer Höhepunkt ist das Terzett Zita, Nella und La Ciesca, gesungen von Almuth Herbst, Yeeun Yeo und Anke Sieloff. Die junge Yeo aus dem Opernstudio NRW lässt aufhorchen: Im Mai wird sie am Musiktheater die Königin der Nacht singen – auf ihr Rollendebüt darf man gespannt sein.

Die Partie des Rinuccio gestaltet Gwenxane mit lyrischem Schmelz, sicher und strahlend in der Höhe. Kranjc entspricht als Simone stimmlich wie darstellerisch dem Rollenprofil. Sergio Augusto, Yevhen Rakhmanin, Simon Stricker, Maksim Andreenkov und Piotr Prochera runden das spielfreudige Ensemble klangschön ab.

Am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen übernimmt an diesem Abend Giuliano Betta die Aufgabe, den weiten Bogen zwischen den so unterschiedlichen Kompositionen zu spannen. Die ungemein präzise und transparent spielende Philharmonie geht in der spätromantischen Klangfülle Rachmaninows förmlich auf: exzellent und sauber die Einsätze der Hörner, pastos und sinnlich die gedehnten Streicherbögen. Ob sprühender Funkenflug oder loderndes Höllenfeuer, immaterielles Schweben oder bodenloses Stürzen – das Orchester entfacht einen rasanten Höllensturm, einen faszinierenden Rausch der Klänge, für den sich die Besucher im sehr gut gefüllten Großen Haus mit langanhaltendem Beifall bedanken.

Von den Protagonisten werden insbesondere Simon Stricker, Susanne Serfling, Nenad Čiča, Benedict Nelsen und Heejin Kim ebenso wie das Regieteam lautstark gefeiert. Chor und Statisterie erhalten großen Applaus für ihre besondere musikalische beziehungsweise darstellerische Exzellenz.

Neben dem großen Verdienst der Wiederentdeckung einer starken Oper, beeindruckt der ungleiche Opernabend insgesamt durch die enorme Leistungsfähigkeit des Musiktheaters im Revier: Immerhin sind es rund 20 Rollen, die – bei wenigen Überschneidungen – weitestgehend aus dem eigenen Ensemble überzeugend besetzt werden können. Chapeau!

Bernd Lausberg