O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Saad Hamza

Aktuelle Aufführungen

Party im Konzertsaal

GROßE ORCHESTER
(Diverse Komponisten)

Besuch am
7. Januar 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Philharmonie Essen, Alfried-Krupp-Saal

Ich liebe dieses Orchester. Ihr spielt wundervoll und ihr seid unsere Zukunft. Mit der Musik in euren Händen bin ich voller Hoffnung“, hat Simon Rattle, der im vergangenen Jahr Ehrendirigent des Klangkörpers wurde, über das 1969 vom Musikrat gegründete Bundesjugendorchester gesagt. Seit 2013 wird es von den Berliner Philharmonikern als Patenorchester unterstützt. Im Alter von 14 bis 19 Jahren sind die jungen Musiker, die sich mit einem Probespiel für die Mitgliedschaft qualifizieren. Drei Mal ihm Jahr kommen die jungen Leute aus ganz Deutschland für jeweils drei Wochen zusammen, proben zunächst in Kleingruppen. Mit dem Dirigenten erarbeiten sie dann ein Tournee-Programm, das zehn Tage lang präsentiert wird.

Bereits zum zweiten Mal nach 2009 ist heuer Kirill Petrenko als nunmehr designierter Chefdirigent der Berliner Philharmoniker angetreten, um die Jugendlichen auf ihrer Tournee mit einem sehr modernen und ambitionierten Programm zu begleiten. Mit rund 113 Musikern wird es selbst im Essener Alfried-Krupp-Saal ziemlich eng auf dem Podium. Da geht es nur mit einem Höchstmaß an Disziplin. Und es ist schon fast erschreckend, mit welcher Ernsthaftigkeit die Jugendlichen die Orchester-Rituale betreiben. Die Jungs im schwarzen Anzug mit dunkler Fliege auf dem weißen Hemd, die Mädchen im dunklen Abendkleid. Alle hochkonzentriert. Nein, das hier ist kein fröhliches Zusammentreffen, um gemeinsam mit anderen Jugendlichen zu musizieren. Das ist Konzertbetrieb auf höchstem Niveau.

POINTS OF HONOR

Dirigent



Orchester



Solist



Programm



Publikum



Chat-Faktor



Petrenko, der die jungen Leute in ihrer Vorbereitungszeit in Prüm in der Eifel bereits kennengelernt hat, tritt mit sichtlichem Vergnügen ans Pult. Das Publikum im sehr gut besuchten Saal spendet reichlich Vorschussapplaus. Zur Eröffnung stehen die Sinfonischen Tänze für Orchester aus der West Side Story von Leonard Bernstein aus dem Jahr 1957 auf dem Programm. Ein Werk, das beschwingt, ja, mitunter vergnüglich und leicht daherkommt – wenn das Orchester eine fast nicht zu bewältigende Präzision aufbringt. Hier gelingt es scheinbar spielerisch. Wahrscheinlich beherrscht jeder dieser Jugendlichen seit dem zweiten Lebensjahr sein Instrument, hat mehrfach den Bundeswettbewerb Jugend musiziert gewonnen, ehe er oder sie mit vierzehn dem Bundesjugendorchester beigetreten ist. Anders ist solch eine Leistung nicht zu erklären. Neben den genauen Einsätzen und profunder Spielweise haben die Jugendlichen vor allem den Sinn der Musik erfasst. Die Kontrabassisten wirken mitunter eher wie eine muntere Jazz-Combo im Club. Insbesondere der Schlagwerker Maximilian Mertens gefällt mit einer geballten Ladung an Konzentration, die er später noch einmal unter Beweis stellen wird, wenn es im Frühlingsopfer zur Sache gehen wird. Ein Solo mit hohem Schwierigkeitsgrad inmitten seiner peer group hinzubekommen, ist schon an sich eine Kunst. Dabei auch noch so zu tun, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, gelingt der 17-jährigen Querflötistin Eva Gasparyan ganz ausgezeichnet. Man weiß zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, was einem besser gefällt: Die geniale Musik Leonard Bernsteins oder die Art und Weise, wie das Bundesjugendorchester sie interpretiert. Petrenko jedenfalls genießt seine Arbeit, lässt die Arbeitsanweisungen in der Luft zerfließen, swingt schon mal ein bisschen mit und treibt einzelne Instrumentengruppen immer wieder zur rechten Zeit zu Höchstleistungen an. Ja, mitunter erinnert er an Lenny in seiner Arbeitsweise. Und so endet der erste Höhepunkt des Abends mit Bravo-Rufen des Publikums, ehe die eigentliche Besonderheit noch begonnen hat.

Wieland Welzel an den Pauken – Foto © Saad Hamza

Wieland Welzel hat ebenfalls im Bundesjugendorchester gespielt. Als Fünfjähriger begann er mit dem Klavierspiel, mit neun Jahren bekam er Schlagzeugunterricht. Fünf Jahre lang spielte er im Bundesjugendorchester, um dann das zu beginnen, was über 80 Prozent aller Mitglieder in dem Klangkörper anschließend unternehmen. Er studierte Musik. Und landete schließlich bei den Berliner Philharmonikern als Paukist. So ist er an diesem Abend der ideale Sparringspartner für das Orchester, wenn das Konzert Nr. 1 für Pauken und Orchester von William Kraft aus dem Jahr 1984 auf dem Programm steht. Allerdings: Die Pauke als Solo-Instrument? Da ist doch einige Skepsis angebracht. Mit ein paar Handstrichen auf den vier Becken zerstreut Welzel gleich zu Beginn des dreisätzigen Werks jeden Zweifel. Mit dem Einsatz des Orchesters zeigt er, was man mit Schlegeln auf den Pauken für einen Wirbelsturm entfachen kann. Und das man auch vier Schlegel unabhängig voneinander mit zwei Händen arbeiten kann, ist nur eines der vielen Aha-Momente, die der Solist auslöst. Der zweite Satz kommt eher gediegen und zurückhaltend daher – eine Hommage an die Mutter des Komponisten, die während der Komposition den Kampf gegen den Krebs verlor. Auch der dritte Satz erreicht nicht die Qualität des ersten, was aber die Faszination an der Handfertigkeit des Musikers nicht im Mindesten beeinträchtigt. Die fünfminütige Zugabe einer Eigenkomposition Welzels begeistert das Publikum vollends. Das Bundesjugendorchester nimmt sich bei diesem Werk entsprechend zurück und bedient formvollendet den Solisten, der sich nach getaner Arbeit einfach mal unters Volk mischt. Nach etlichen persönlichen Glückwünschen in Reihe 15 Mitte zu seiner Glanzleistung kann er sich dann auch ganz ungestört dem letzten Teil des Abends widmen, vergleichsweise eine Antiquität.

So manch einer mag Le sacre du printemps von Igor Strawinsky, das 1913 uraufgeführt wurde, nicht mehr hören. Zu oft wird es in Konzertprogrammen als Deckmäntelchen eingesetzt. „Seht hier, wir können nicht nur Romantik oder Spätromantik, sondern auch ganz modernes Zeug!“ Und allzu oft gibt es dann eine „behutsame“ Form des Frühlingsopfers, um das Publikum nicht zu verschrecken. Petrenko sieht das Werk eher als archaisches Monster, das man entfesseln muss, um es wirken zu lassen. Für das junge Orchester vor ihm gibt es nur ein Kommando. „Gebt alles!“ Nicht nur der Tanz der Erde ist ein Ausbund an energiegeladener Präzision. Als sich nach dem Opfertanz die Hände des Dirigenten und die Bögen der Streicher erlösend und absolut in die Luft heben, darf man wieder Luft holen. Das hat Strawinsky gemeint.

So viel Bravo, so viel Raunen, wenn die Solisten sich erheben, hat man lange nicht gehört. Ein durchgehend beglückender Abend. So radikal gut, wie es offenbar nur noch der Jugend und einem Kirill Petrenko gelingt.

Michael S. Zerban