Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
OPEN FORM
(Diverse Komponisten)
Besuch am
13. Juni 2026
(Einmalige Aufführung)
Es ist schon bombastisch, was die Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf da auf die Beine gestellt hat. Zwölf Stunden neuer Musik werden an einem Samstag im Partika-Saal, dem Konzertsaal der Musikhochschule, angeboten. Open Form – Tag der zeitgenössischen Musik versteht sich dabei als „ein variables Festivalformat, das zeitgenössische Musik aus Düsseldorf und der Welt präsentiert und elektronische Musik, Sound Art und Installationen miteinander verbindet“. Unter anderem bringen angehende Tonsetzer aus den Klassen von Oliver Schneller und José Maria Sánchez-Verdú ihre Arbeiten zu Gehör. Morgens um elf beginnt das Programm mit neuen Kammer- und Solowerken aus den Kompositionsklassen. Fünf Studenten präsentieren ihre brandneuen Werke, vier davon gleich in Uraufführung.
Es schließt sich ein Korea-Schwerpunkt an, ein moderiertes Konzert über drei Werke koreanischer Kunstmusik und ihre kulturellen Hintergründe unter dem Stichwort Tradition und Moderne, das die Geige in den Vordergrund stellt und zwei Uraufführungen bietet. Nach akusmatischer Musik von Brown, Ligeti, Liu und Evers gibt es Uraufführungen in der Chormusik mit dem RSH-Vokalensemble. Das Catinblack-Ensemble interpretiert bis zum frühen Abend ebenfalls zwei Uraufführungen sowie zwei Werke aus diesem Jahr. Ein zweiter Schwerpunkt behandelt chinesische Musik, ehe sich das Abschlusskonzert dem Komponisten Györg Kutag widmet, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird.

Foto © Michael Zerban
Das Festival gestaltet sich bei freiem Eintritt für einen bewusst offenen Zugang. Will sagen, du selbst entscheidest, wann du kommst und gehst. Bei der Entscheidungsfindung soll ein digitales Programmheft helfen, das auf der Netzseite der Hochschule Interviews und zusätzliche Informationen anbietet. Eine Auseinandersetzung mit Open Form im Vorfeld ist also hilfreich und verstärkt auch Lust und Bereitschaft, sich auf die teils neuen Klänge einzulassen. Für die Zukunft wünscht man sich allerdings, dass in einem solchen „Programmheft“ auch die Mitwirkenden hinter der Bühne Erwähnung finden. Und beispielsweise eine Foto-Galerie, in der die Musiker wie die Komponisten gezeigt werden, ist mit Sicherheit auch kein Hexenwerk, wäre aber ein deutlicher Gewinn. Die Wahl fällt – allerdings eher aus Zeitgründen denn aus musikalischen Erwägungen – auf die Nachmittagsstunden. Die zeitliche Beschränkung auf knapp drei Stunden erscheint angemessen, um zumindest einen Eindruck von der Mammutveranstaltung zu gewinnen, auch wenn die angenehm entspannte Atmosphäre, ist man erst mal vor Ort, eher zu einer Verlängerung einlädt.
Unter Akusmatik – mit dem Begriff ist der erste Block überschrieben – versteht man eine Musik, deren Klangerzeugungsmittel nicht sichtbar und meist auch nicht identifizierbar sind. So hat Earle Brown 1953 sein Octet I für Tonband und acht Lautsprecher fertiggestellt, das nun als erstes im abgedunkelten Saal, um „sich auf den Hörgenuss besser konzentrieren zu können“, flüstert der Moderator ins Mikrofon, erklingt. Teils sprachähnliche Geräusche schwirren durch den Raum, die ursprünglich von der Faszination der Stereophonie geprägt sind, was sich beim Abspielen des Stücks im Saal nur teilweise überträgt. Von György Ligeti gibt es das Stück Artikulation, 1958 im 4-Spur-A-DAT-Verfahren aufgezeichnet, das vor allem von der damals entdeckten Möglichkeit der Rauscherzeugung lebt. Studentin Wendi Liu hat vor zwei Jahren ihr Werk Bis morgen aufgezeichnet, in dem einzelne Töne oder Tonkomplexe wie Pingpong-Bälle „hingeworfen“ werfen. Sehr viel konkreter wird es bei der Uraufführung von David Ben Elias Evers‘ The Oval Portrait für Stimme, Tänzerin und acht Lautsprecher. Der Komponist erzählt die gleichnamige Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe nach, in der eine Betrachterin herauszufinden versucht, was sie an einem Porträtgemälde so fasziniert. Dazu fertigt er eine Collage von „allerlei Aufnahmen, die ich im Laufe dieser Komposition gesammelt habe; darunter das kleinere Orchesterstück, Aufnahmen in verschiedenen Sprachen, ein bisschen Heimstudio, ein bisschen digitale Produktion“. Ergänzt wird das Stück um die Tänzerin Betsy Paola Contreras Lara, die die Porträtierte vertanzt, und Live-Gesang. Auch hier hätte man sich den Namen der Sängerin im Programmheft gewünscht. Und sicher möchte man das Stück noch einmal unter akustisch besseren Bedingungen hören, bei denen der Gesang und die Erzählung der Sängerin nicht untergeht. Vielversprechend ist die Aufführung allemal.

Foto © Michael Zerban
Ein eindeutiges Lob gebührt der Organisation, der es gelingt, den Zeitplan exakt einzuhalten, was bei solchen Festivals ansonsten eher undurchführbar scheint. Und so kann auch der nächste Programmblock, Neue Musik für Chor, pünktlich beginnen. Das RSH-Vokalensemble leistet großartige Arbeit. Yejun You hat für das Stück Codecbook das Nato-Alphabet zugrunde gelegt. Die zwölf Sänger dürfen hier alle Register ihres Könnens ziehen. Erschwerend werden ihre Stimmen im Loop verwebt, sie sind solistisch und polyphon gefordert. Das ist wirklich eindrucksvoll. Ihrem Stück Veni Sancte Spiritus hat Maria Teresa Kalinowska einen Text aus dem 16. Jahrhundert unterlegt. Der gemischte Chor wird um Harfe und Kontrabass ergänzt. Gemeinsam gelingt eine wunderbar lyrische Umsetzung, bei der man den vergangenen Zeiten sehr nahekommt. Mit Echo unter der Überführung will Yi Yu Geräusche zu Gehör bringen, mit denen sie ihre Heimat Shanghai verbindet. Inwieweit ihr das gelingt, wird den Besuchern Geheimnis bleiben, aber das stimmliche Erlebnis der Vokalisen bleibt im Gedächtnis haften.
Im nächsten Block interpretiert das Catinblack-Ensemble als In-Residence-Gastensemble 2025/26 der Kompositionsabteilung vier Werke der Gegenwart. Mit My Palms are Turning into Smoke hat Dmitry Burtsev eine interessante kammermusikalische Erzählung geschaffen, die das Trio aus Bratschistin Sofia von Atzingen, Cellistin Ema Grčman und Javad Javadzade am Kontrabass mit Bravour interpretiert. Die Spezialisten für zeitgenössische Musik fühlen sich auch in dem Stück Kenotopia von Sunmin Gwak zuhause, in dem sie verschiedene Ebenen durch Kratzen und Schaben zu erzeugen haben. In Wall of Stops von Pamela Soria sollen sie „Klangwände“ aufbauen. Und für Our Meeting is the Flight of Stars Breaking Free from their Orban von Rachel C. Walker müssen sie schließlich an die Fußgelenke gebundene, leere Konservendosen durch den Saal scheppern lassen, während sie mit ihren Bögen fuchteln. Die Souveränität der Interpreten verleiht den Werken die nötige Ernsthaftigkeit.
Nur ungern verlässt man die Veranstaltung nach knapp drei Stunden. In dem kurzen Ausschnitt eines sehr langen Tages bleibt ein gutes Gefühl zurück. Denn hier hat man kein „Jugend forscht“ erlebt, sondern durchaus reife Werke, die hoffentlich auch auf den entsprechenden Festivals wieder zu hören sein werden.
Michael S. Zerban