Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
NA HÖR’N SIE MAL!
(Mark-Andreas Schlingensiepen, Olivier Messiaen)
Besuch am
17. Juni 2026
(Einmalige Aufführung)
Bevor es zum Hauptereignis des Konzertabends kommt, erinnert Akkordeonist Roman Yusipel an den am 2. Mai verstorbenen Leiter des Notabu-Ensembles, Mark-Andreas Schlingensiepen. Dazu hat er dessen Zeichnungen I – IV für Akkordeon ausgewählt, die von 2003 bis 2011 entstanden. „Ausgangspunkt jedes einzelnen Teils sind technische Möglichkeiten des Zeichnens: zwei Linien, Schraffuren, Flächen und Inhalte oder Assoziationen, mit denen auch das Akkordeon mitunter aufzufordern scheint“, beschrieb Schlingensiepen selbst sein Werk.
Eines seiner letzten Projekte war eine Herzensangelegenheit der Pianistin Frederike Möller, das nun endlich umgesetzt werden sollte. Seit vielen Jahren liebäugelt die Musikerin mit den Visions de l’amen von Olivier Messiaen, einem Werk für zwei Klaviere. Und mit ihrer langjährigen Kollegin im Notabu-Ensemble, Yukiko Fujieda, hat sie eine Partnerin an der Seite, von der sie zu wissen glaubt, dass sie die richtige Begleiterin für das anspruchsvolle Stück ist. Visions de l’amen ist eine siebenteilige Komposition für zwei Klaviere, die 1943 entstand und am 10. Mai desselben Jahres in der Galerie Charpentier in Paris uraufgeführt wurde. Zu dieser Zeit war Yvonne Loriod Studentin Messiaens, dem sie als außerordentlich begabte Pianistin aufgefallen war. 20 Jahre später sollte sie seine zweite Ehefrau werden. Den Auftrag für die Arbeit hatte dem Komponisten Denise Tual, eine der Organisatorinnen der Concerts de la Pléiade erteilt, nachdem sie von seinem Orgelspiel in der Kirche La Trinité hingerissen war. Messiaen, tief im katholischen Glauben verwurzelt, bezieht sich im Ergebnis neben anderen Quellen auf die Paroles de Dieu von Ernest Hello.

Foto © Michael Zerban
„Das Amen offenbart vier verschiedene Bedeutungen: Amen – es sei! Der Schöpfungsakt. Amen – ich unterwerfe mich, ich akzeptiere. Dein Wille geschehe! Amen, der Wunsch, die Sehnsucht nach Vereinigung. Amen, es ist, alles ist für immer fixiert, vollendet im Paradies. Ich habe versucht, diese so verschiedenen Reichtümer des Amen in sieben musikalischen Visionen auszudrücken – und damit zusammenhängend das Leben der Kreaturen, die allein durch das Schicksal ihrer Existenz schon ‚Amen‘ sagen“, erläuterte der Komponist im Vorwort der Partitur.
Rund 50 Minuten dauert das Stück. Die beiden Konzertflügel stehen eng parallel nebeneinander, die Deckel sind weit geöffnet. Möller und Fujieda nehmen mit den beiden Seitenwendern Platz. Ihre Konzentration ist fast körperlich als Energiefeld spürbar. Dann beginnt für die beiden ihr Parforce-Ritt, aus dem es kein Entrinnen gibt, der aber nach sage und schreibe 15 Probentagen perfekt vorbereitet ist. Und die Aufgabenteilung ist klar vorgegeben. Der Primo-Part – ursprünglich für Loriod vorgesehen, jetzt von Fujieda wahrgenommen – ist der technisch schwierigere, aber musikalisch untergeordnete. Ihm sind virtuosere Elemente, unter anderem die Vogelgesänge, zugewiesen, während dem Secondo-Part, den nun Möller übernimmt, die eigentlichen Themen und die Kontrolle des Tempos zufallen.

Foto © Michael Zerban
Das Thema aus dem Amen der Schöpfung, mit dem das Spiel beginnt, zieht sich durch alle sieben Abschnitte. Das Amen der Sterne und des Ringplaneten ist nach Messiaens Angaben ein „brutaler und wilder Tanz“. Das Amen der Qual Jesu schildert programmatisch die Leiden des Gottessohnes am Kreuz. Im Kontrast dazu steht das Amen des Verlangens. Im zentralen Stück des Zyklus erklingen erotisierende Töne, die Messiaen als Ausdruck eines gesteigerten Liebesdurstes verstanden wissen will. Im fünften Satz, dem Amen der Engel, der Heiligen, des Vogelgesangs, kommt Messiaens große Leidenschaft, der Vogelgesang, zum Einsatz. Im Amen des Gerichts werden die Glocken der Wahrheit, die die Sünder zur Umkehr mahnen, in Klavierklänge umgesetzt. Mit dem Amen der Vollendung ist das hinreißende Finale erreicht, in dem sich unter „Glockenklängen“ alles in Licht auflöst.
Man kann sich den Zyklus unter religiösen Aspekten anhören, muss man aber nicht. Die Musik lebt und atmet auch ganz ohne Amen, begeistert mit zeitgemäßem Klang, unglaublicher Fantasie und einer Moderne, die schon 1943 als fortschrittlich gegolten haben dürfte. Fühlt man sich an George Gershwins Rhapsody in Blue von 1924 oder An American in Paris von 1928 erinnert, liegt man damit vermutlich genauso wenig falsch wie bei dem Gedanken an den Broadway der 1930-er und 40-er Jahre. Kurz und gut: Eine großartige, nicht andeutungsweise klerikale Musik.
Das Werk lebt von der Präzision des Zusammenspiels und des Timings. Ein Fehler in den virtuosen Passagen, und das Spiel ist verloren. Eine minimale Verzögerung beim Einsatz des einen ist das Ende des anderen. Möller und Fujieda liefern eine grandiose Leistung ab. Es gelingt ihnen, das Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde zu fesseln. Umso beglückter wirken die beiden selbst, als der rauschende Beifall im Stehen nicht abklingen will. Alle Mühen, das aufwändige Stück einzustudieren, haben sich gelohnt. Und es wird möglicherweise nicht die letzte Aufführung bleiben. Zumindest trägt sich Frederike Möller mit der Idee, das Werk noch einmal beim IDO-Festival im September zu präsentieren. Was mehr als zu begrüßen wäre, weil es dann vielleicht auch verdientermaßen noch einmal ein größeres Publikum erreichen könnte.
Michael S. Zerban