O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Michael Zerban

Aktuelle Aufführungen

Lesen verbindet

HINTERHOFLESUNG
(Maja Lotta Romeike, Leon Hanke, Tabs)

Besuch am
20. August 2026
(Einmalige Aufführung)

 

Maschinendorf, Düsseldorf

In diesem Sommer stehen Lesungen gefühlt hoch im Kurs. Der Blick in einige Festivalprogramme erweckt den Verdacht, dass andere Kunstformen ersetzt wurden, um gekürzte Gelder zu kompensieren. Es redet niemand darüber. Eine liebgewordene Tradition sind die Hinterhoflesungen, die in Düsseldorf seit 2013 im August als Kooperation zwischen Art Connection, Zakk und dem Künstlerverein WP8 durchgeführt werden. Dabei wirkt die Kooperation etwas brüchig. Denn auf der Netzseite des Zakk taucht der Künstlerverein erst gar nicht auf. Vielmehr ist da zu lesen: „Jeden August, wenn der Sommer seinen Höhepunkt erreicht, zieht das Team vom Zakk mit Sack, Pack und Bottlebar los, um die Tore zu versteckten Orten zu öffnen“. Dem Publikum kann es egal sein. Das ist schon genug damit beschäftigt herauszufinden, in welchem Hinterhof die jeweilige Lesung stattfindet. Denn die Netzseite des Zakk verweist auf die Seite Hinterhoflesung, und die wird seit vergangenem Jahr offenbar nicht mehr gepflegt. Aber irgendwie findet man dann doch in den Hinterhof des Maschinendorfs im Stadtteil Flingern, das in einer ehemaligen Schreinerei heute auf 2.500 Quadratmetern und drei Etagen „Arbeitsflächen und Maschinen für Kreative, Handwerker und Künstler“ anbietet. Und eben den Hinterhof, auf dem nun Bierbänke, ein improvisierter Getränkeverkauf und ein Tisch mit Sitzgelegenheit und Mikrofon aufgebaut sind.

Aylin Celik und Maja Lotta Romeike – Foto © Michael Zerban

Aylin Celik, Musikerin, Produzentin, Moderatorin und Autorin aus Düsseldorf, übernimmt gutgelaunt die Moderation. Und begrüßt als erste Autorin Maja Lotta Romeike. Die gerade mal 16-Jährige aus Krefeld bezeichnet sich selbst als Künstlerin und Poetry Slammerin, also Teilnehmerin jener Dichterwettbewerbe, bei denen Autoren in der Regel sechs Minuten Zeit bekommen, ihre Texte vorzutragen, um sich anschließend dem Urteil des Publikums oder einer Jury zu stellen. Die deutschsprachige Szene, so ist zu lesen, zählt zu den größten weltweit und gehört zum immateriellen Kulturerbe. Was eigentlich eine großartige Idee zur Weiterentwicklung der Literatur ist, langweilt vergleichsweise schnell, nachdem sich im Vortrag mehr und mehr der Rap-Stil durchgesetzt hat, der auch heute Abend immer wieder durchklingt. Im Gegensatz zum Poetry Slam ist bei den Hinterhoflesungen die Zahl der Autoren auf drei begrenzt, die jeweils 20 Minuten Zeit bekommen. Romeike beginnt mit einer Geschichte über die Entwicklung ihrer Kindheit, die stilistisch glänzt, aber durch Gegendere getrübt wird. Recht poetisch kommen ihre Betrachtungen über ihre persönliche Beziehung zum Sommerregen daher, die in einem Sommergewitter enden. Ein letzter Text handelt von ihrer Wut über Männer, eine Ansammlung feministischer Klischees, bei der man sich fragt, was man damit anfangen soll. Natürlich steht es der Jugend frei, über alles und jedes auf dieser Welt zu fabulieren. Glaubwürdiger ist aber schon, was nicht nachgeplappert wird, sondern auf der eigenen Lebenserfahrung beruht.

Leon Hanke – Foto © Michael Zerban

2021 lernte Leon Hanke in Bayern Poetry Slam kennen und reist seither durch die Republik, um an solchen Wettbewerben teilzunehmen. Mit dem Reisen hat er es ohnehin. 18 Mal sei der Essener bislang in drei Bundesländern umgezogen. Und so erscheint die Eingangsfrage, die Celik jedem Autoren vor seinem Vortrag stellt, angebracht. Was für ihn der grässlichste Bahnhof sei, will sie wissen. Mit seinen Bemerkungen über den Duisburger Bahnhof sorgt er für die größten Heiterkeitsausbrüche des Abends. Sein Vortrag gerät in kurzen Texten wortgewaltig und amüsant, nur haften bleibt erstaunlich wenig.

Auch von Tabs erfährt das Publikum nicht allzu viel. Dass sie ursprünglich aus Koblenz komme und heute in Köln lebe. „Ich glaube, dass Kunst dann am schönsten ist, wenn sie nicht perfekt ist, sondern echt. Und genau das will ich mitbringen“, kann man von ihr lesen. Mit den Poetry Slams hat sie erst im vergangenen Jahr begonnen, konnte aber bereits erste Erfolge verbuchen. Und schnell wird klar, warum das so ist. Auch sie setzt sich mit der Gewaltfrage zwischen Frauen und Männer auseinander. Allerdings gewinnt sie ihr einen Aspekt ab, der für Gänsehaut sorgen kann, wenn sie fragt, wer eigentlich einen Täter kennt und wie man damit umgeht. Ihren Vortrag krönt sie mit einem gesungenen Wiegenlied, für das sie einen eigenen Text gegen den Krieg gefunden hat.

Die Besucher im nahezu vollständig besetzten Rund applaudieren allen dreien lebhaft. Eine letzte Lesung findet am kommenden Donnerstag in der Spieloase Bilk statt.

Michael S. Zerban