O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Michael Zerban

Aktuelle Aufführungen

Europäische Klänge

CHOPIN VON ARMENIEN
(Stéphan Elmas)

Besuch am
23. April 2026
(Einmalige Aufführung)

 

C.-Bechstein-Centrum Düsseldorf

Konzerte im C.-Bechstein-Centrum in Düsseldorf am Fuß der Königsallee sind immer etwas Besonderes. Die eigens eingerichtete Konzertlounge kombiniert eine intime Atmosphäre mit wunderbarer Akustik. Da fällt es Geschäftsführer Reza Indrakesuma leicht, auch mal ausgefallene Programme zu präsentieren. Glücksfälle, die den Klavierexperten dazu verleiten, einen Flyer mit „Sensationeller Klavierabend“ zu überschreiben, sind allerdings auch hier kaum an der Tagesordnung. Und ein wenig ist da wohl tatsächlich die Euphorie mit ihm durchgegangen, auch wenn es ein außergewöhnliches Konzert werden wird.

Foto © Michael Zerban

Am Morgen ist Heghine Rapyan aus Salzburg angereist. Geboren ist sie in Gavar, einer armenischen Provinzhauptstadt mit rund 22.000 Einwohnern. Dort begann sie im Alter von drei Jahren mit dem Klavierspiel. Später nahm sie ihr Studium an der Tschaikowsky-Musikschule in Eriwan auf, das sie 2007 am Staatlichen Konservatorium in der Hauptstadt Armeniens mit Auszeichnung abschloss. Ihr Masterstudium absolvierte sie an der Universität Mozarteum in Salzburg, wo sie bis heute lebt. 2025 veröffentlichte sie ihr zweites Album The Untouchable, das eigene Kompositionen enthält. Ihre Karriere als Konzertpianistin führte sie bislang quer durch Europa und durch Asien, vor zwei Jahren bereits einmal in die Düsseldorfer Tonhalle, wo sie ihr Debüt mit dem Klavierkonzert von Florence B. Price gab. Seit vielen Jahren befasst sie sich mit dem Komponisten, dessen Musik sie heute Abend aufführen will.

Stéphan Elmas wurde 1864 in Smyrna als Sohn einer armenischen Familie geboren. Er studierte in Wien Klavier und Komposition, galt zu Lebzeiten als großes Talent. 1886 lernte er Franz Liszt in Weimar kennen, spielte ihm vor und widmete ihm sechs Etüden. Außerdem war er mit Anton Grigorjewitsch Rubinstein und Jules Massenet befreundet. Anders als die meisten armenischen Komponisten seiner Zeit, die sich häufig von Volksliedern und nationalen Traditionen inspirieren ließen, wandte Elmas sich der westeuropäischen Romantik zu und schlug so die Brücke zwischen den beiden Kulturen. Nach seiner Rückkehr nach Smyrna und einem Aufenthalt in Paris ließ der „Dichter des Klaviers“, wie ihn die Pariser Presse nannte, in Genf nieder, wo er 1937 starb. Armenier schätzen an ihm, sein kulturelles Erbe in den universellen Bereich der romantischen Musik getragen zu haben.

2023 veröffentlichte Rapyan ihr Debütalbum The Soul of Smyrna, auf dem sie die kompletten Klaviersonaten Elmas‘ einspielte. Im vergangenen Jahr erschien das Album Chopin of Armenia, das weitere Werke Elmas‘ versammelt und inzwischen für den diesjährigen Opus Klassik nominiert wurde. Im Bechstein-Centrum hat sie einen Querschnitt auf das Programm geschrieben. Obwohl nicht textscheu, wie ihr Netzauftritt und die Vorankündigung des Abends zeigen, lässt sie beim Konzert doch allein die Musik ohne jede Zwischenmoderation wirken.

Foto © Michael Zerban

Den Auftakt bilden sechs Präludien, in denen sich bereits die Vielfalt der Musik offenbart. Das reicht von Schmetterlingsflügen bis zum machtvollen Auftritt. Da lässt Rapyan flatterhaftes Gleiten zu und scheut sich nicht vor dem kräftigen Anschlag. Bei den nächsten Stücken wird es unterhaltsamer. Man mag sich klanglich vorstellen, wie die beiden Walzer, die Mazurka oder die beiden Nocturnes in Salons erklingen. Sehr zum Wohlgefallen einer Abendgesellschaft, die sich nicht allzu schwerer Kost hingeben mag. Und die Pianistin weiß sehr wohl, die Leichtigkeit herauszukitzeln, den Spaß am Walzer, die Verträumtheit der Nocturne zu unterstreichen. Mit der Fantasie Polonaise Des-Dur nimmt sie das Publikum schließlich mit in eine Zirkuswelt, in der man die Artisten bildlich zu erleben glaubt.

Hat die Pianistin vor der Pause das Publikum mit einem charmanten schulterfreien, schwarzen Kleid erfreut, weiß sie anschließend mit einem goldfarbenen Kleid zu beeindrucken. Damit signalisiert sie zugleich den stilistischen Wechsel, den sie mit dem Scherzo N. 1 c-Moll einleitet. Bei der Klavier-Sonate N. 1 h-Moll verleitet der erste Satz Allegro appassionata gar zum Zwischenapplaus, weil das Publikum mit seiner Begeisterung trotz besseren Wissens nicht hinter dem Berg halten will. Mit dem Marche Funebre gelingt es Rapyan, den Raum in Düsternis zu hüllen, ehe es im Allegro doch noch glänzend ausgeht.

Auch wenn man von einer Sensation noch ein Stück weit entfernt bleibt, ist das Publikum hingerissen von einem höchst beglückenden Abend, an dem eine brillante Pianistin eine neue Musikwelt schafft, die Lust auf mehr Romantik verschafft. Und mit der Revolutionsetüde Frédéric Chopins als Zugabe gelingt Rapyan ein rauschender Abgang, der den Applaus nicht enden lassen will.

Michael S. Zerban