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MÉDÉE
(Luigi Cherubini)
Besuch am
20. Oktober 2018
(Premiere am 7. Oktober 2018)
Die Oper Medea von Luigi Cherubini ist untrennbar mit dem Namen von Maria Callas verbunden. Sie nahm die Titelrolle 1953 in ihr Repertoire auf und verhalf der musikalischen Tragödie zu neuer Popularität: mit der ihr eigenen vokalen Expressivität, die wie geschaffen war für die über Leichen gehende Liebende der griechischen Mythologie, die aus Verzweiflung zur Kindermörderin wird. Jede nachfolgende Interpretin muss mit dieser überlebensgroßen Vorgängerin leben. Sonya Yoncheva, derzeit eine der gefragtesten Sängerinnen weltweit, tritt furchtlos in ihre Fußstapfen und liefert an der Staatsoper Unter den Linden ein überzeugendes Rollendebüt ab. Sie wirft sich mit großem Furor in die Rolle, rast und tobt, lockt und lodert und scheut dabei keine brustigen Töne oder angeschärften Höhen. Auch Wärme legt sie in ihren kraftvollen Sopran, wenn sie Jason anfangs zurückgewinnen möchte. Es ist eine ausgeklügelte Interpretation, die sich bis zum Finale steigert und dennoch nicht unter die Haut geht.
Was an der uninspirierten Inszenierung von Andrea Breth liegt. Dabei müsste der Schauspielregisseurin diese Medea eigentlich besonders liegen. Gegeben wird nämlich nicht die italienische Fassung mit nachkomponierten Rezitativen, sondern das französischsprachige Original Médée mit gesprochenen Dialogen, das 1797 in Paris zur Uraufführung kam. In Berlin war diese Urversion erstmals 2002 an der Deutschen Oper zu sehen, und auch die Staatsoper Unter den Linden benutzt sie für die aktuelle Neuproduktion.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Sie spielt in einem tristen Ambiente. In der sich drehenden, fensterlosen Lagerhalle mit Toren aus Metalllamellen, die Martin Zehetgruber konzipiert hat, stehen eine kopflose Pferdestatue und viele Kisten. Sie enthalten, so ist es im Programmheft nachzulesen, Raubkunst, wozu auch das Goldene Vlies gehört. Auch haben wir es mit einem Flüchtlingsschicksal zu tun, weshalb Médée, dunkel geschminkt und mit wirren schwarzen Haaren, in einem archaischen Schlabbergewand erscheint. Es ist auf einer Seite schulterfrei und lässt durch einen Schlitz viel Bein sehen – vielleicht spielt die Kostümbildnerin Carla Teti mit diesem Schnitt auf Médées frühere Verführungskünste an. Das Volk von Korinth ist natürlich in moderne Anzüge gekleidet, bevorzugt in dunkler Farbe. Wobei der von Martin Wright einstudierte Staatsopernchor meist ins Off verbannt ist, von dort aus aber mit gewohnter Klangkultur singt.

Foto © Bernd Uhlig
Raubkunst und Flüchtlingsdasein sind zwei Inszenierungsstränge, die Andrea Breth jedoch nicht weiterverfolgt. Mehr interessiert sie das Leid der Frauen, nicht nur das von Médée, sondern auch das von Jasons Verlobter Dircé. Die wird trotz düsterer Vorahnungen zur Ehe gezwungen und muss mitansehen, wie ihr Bräutigam erst eine ihrer Vertrauten verführt und anschließend auch Médée körperlich wieder näherkommt. Die wiederum wird von Dircés Vater Créon sexuell belästigt. Angesichts der seelischen Abgründe der Figuren, ist es erstaunlich, wie wenig differenziert die Personenführung ist. Da wird viel gestanden, die Auseinandersetzungen zwischen Médée und Jason und der Kindermord plätschern seltsam spannungslos vorbei. Nur am Ende, wenn sich Médée, anders als in der Sage, selbst tötet, sorgen einige Feuereffekte für ein bisschen Atmosphäre.
Neben Yoncheva bietet die Staatsoper ein musikalisch respektables Ensemble auf, das zudem die Dialoge ohne überzogenes Pathos spricht. Die sonst so wunderbare Elsa Dreisig singt die Dircé mit jugendlich-frischem Sopran, lässt aber auch erahnen, wie schwierig ihre Solonummer ist. Charles Castronovo leiht dem Jason seinen noblen Tenor, während Iain Paterson als Créon vokal blass bleibt. Marina Prudenskaya dagegen vermag als Amme Néris mit ihrer ebenmäßig und innig vorgetragenen Arie zu berühren.
Daniel Barenboim, der nicht müde wird, sein Repertoire zu erweitern, dirigiert seine erste Médée. Er geht die Oper verhalten an und widmet sich mit der prächtig spielenden Staatskapelle den Finessen der Instrumentation. Erst allmählich wird der Klang schärfer und zugespitzter, bis im dritten Akt aus dem Orchestergraben jenes dramatische Feuer tönt, das auch in Cherubinis Partitur steckt.
Nach der fast ausverkauften Vorstellung gibt es Bravos für Sonya Yoncheva und Daniel Barenboim sowie herzlichen Beifall für die anderen Mitwirkenden.
Karin Coper