O-Ton

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Foto © Thomas Koy

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Das kurze und intensive Leben der Lili Boulanger

LILI – DIE LETZTE NACHT DER LILI BOULANGER
(Lili Boulanger, Markus Syperek)

Besuch am
21. April 2022
(Premiere)

 

Neuköllner Oper, Berlin

Sie weiß, dass sie nicht alt wird.  Aber wie viel Zeit bleibt ihr noch?  Die junge Komponistin Lili Boulanger will es immer und immer wieder wissen, reizt ihre Kräfte und ihre Grenzen aus. Sogar auf ihrem Sterbebett, sie ist noch keine 25, diktiert sie ihrer Schwester Nadja letzte Noten.

Geboren in eine Musikerfamilie, erleben die beiden Schwestern Nadja und Lili eine gute musikalische Erziehung. Charles Gounod, Jules Massenet und Camille Saint-Saëns gehören zum engen Freundeskreis der Familie. Nadja wird eine der führenden Klavierpädagoginnen des 20. Jahrhunderts; bei Lili steht schon früh fest, dass ihre Begabung in der Komposition liegt. Sie erhält Unterricht von Gabriel Fauré und setzt sich in den Kopf, den begehrten Prix de Rome zu gewinnen, den auch ihr Vater gewonnen hatte. In der Tat gewinnt sie ihn – als erste Frau – im Jahr 1913, gerade mal zwanzig Jahre alt. Über Nacht wird sie berühmt, muss aber immer wieder mit ihrer chronischen Lungenentzündung und Morbus Crohn kämpfen, einer Darmerkrankung, der sie dann auch 1918 unterliegt.

Lili, die letzte Nacht der Lili Boulanger wurde von Änne-Marthe Kühn und Bernhard Glocksin als Musiktheaterstück erdacht. Gesang, Schauspiel und Tanz sind organisch miteinander verwoben. Andrea Pinkowski führt Regie und zeigt Lili als lebenshungrige junge Frau, die sich einerseits voll ihrer physischen Fragilität bewusst ist, aber anderseits auch für ihre Ideen brennt. Nele Ahrens teilt die Bühne in drei Ebenen: Im hinteren Teil agiert das musikalische Ensemble, auf einem seitlichen Podium befindet sich das Krankenzimmer, in das sich Lili immer wieder zurückziehen muss, und auf der Hauptebene befindet sich das sinngebende Klavier, das als Mittelpunkt des gesellschaftlichen und geistigen Lebens der gesamten Familie fungiert.

Im Paris des frühen 20. Jahrhunderts vollzieht sich gerade ein enormer Wandel. Das Ballett Sacre du Printemps von Igor Strawinsky sorgt 1913 für einen legendären Skandal. Die Kunstrichtung Art Nouveau bricht mit Traditionen des 19. Jahrhunderts. Da passt die ganz eigene musikalische Sprache von Lili Boulanger mit ihrem ausgeprägt kraftvollen Charakter gepaart mit lyrischer Sensibilität gut hinein. Gerade der Auszug aus dem Requiem Pie Jesu macht viel Lust, mehr von der Komponistin zu hören.

Foto © Thomas Koy

Markus Syperek, der als Komponist, Arrangeur und musikalischer Leiter fungiert, hat drei von Lili Boulangers Werken geschickt für ein zehnköpfiges Ensemble arrangiert. Herzstück ist ein Auszug aus Boulangers Kantate Faust et Hélène, mit dem sie den Prix de Rome gewonnen hat. Hier glänzt Bariton Miha Brkinjac als Mephisto, der die schöne Hélène von Merlind Constanze Pohl dem Faust von Chunho Yous zuführt.
Pohl verkörpert auch die Figur der Freundin Miki Piré und sticht hervor mit guter Diktion und klarer Identität.

Johanna Link ist mit Leib und Seele eine selbstbewusste Lili, die sich von keinen Konventionen einschränken lässt – weder in der Liebe zu Mann und Frau – noch in gesellschaftlichen Korsetts. Josephine Lange ist die bodenständige Schwester Nadja, ihre Befürworterin und Beschützerin, die auch nach dem Tod von Lili dafür sorgt, dass die Werke der Schwester nicht in totale Vergessenheit geraten. Ursula Renneke verkörpert die gestrenge Mutter, Raisa Boulanger, die für musikalische Disziplin und dem Einhalt gesellschaftlicher Konventionen sorgt.

Es ist die zweite Komponistin, der sich die Neuköllner Oper widmet. 2019 machte Casting Clara – über Clara Schumann und besonders ihre kompositorischen Aktivitäten – den Anfang dieser Reihe. Mit Lili wird dieses Projekt, eher unbekannten Komponistinnen ein Forum zu geben, fortgesetzt.  Man kann gespannt sein, wie es weiter geht.

Einhelliger Applaus für alle Mitwirkenden.

Zenaida des Aubris