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Mit Alban Bergs Wozzeck, dem bis heute unübertroffenen Gipfel modernen Musiktheaters, erfüllt sich Michael Schmitz-Aufterbeck zum Abschluss seiner 17-jährigen Amtszeit als Intendant des Aachener Theaters einen Herzenswunsch. Eine gewaltige Herausforderung, die die Leistungsfähigkeit eines Opernhauses schonungslos auf die Probe stellt. Schmitz-Aufterbeck darf schon ein wenig stolz auf sich sein, wenn er ein Haus zurücklässt, das in der Lage ist, das schwierige Werk auf einem derart erfreulich hohen Niveau realisieren zu können. Eine Leistung, die das Premieren-Publikum im nahezu voll besetzten Theater mit langanhaltendem Beifall feiert.
Zurück liegen 90 hoch konzentrierte, musikalisch und dramaturgisch extrem verdichtete Minuten, die weder Mitwirkenden noch Besuchern auch nur eine Sekunde Gelegenheit zum entspannten Durchatmen lassen. Anders als in der vulgären Inszenierung von Barbara Beyer vor knapp 20 Jahren stellen sich in der aktuellen Produktion vom ersten Takt an die beklemmenden, unter die Haut gehenden Gefühle ein, die Bergs Oper nach über 100 Jahren und Georg Büchners noch 100 Jahre ältere Textgrundlage auch heute noch auslösen können.
Das ist nicht zuletzt der seriösen Inszenierung durch das dreiköpfige Theaterkollektiv Kommando Himmelfahrt zu verdanken, das den Blick schnörkellos und unverstellt in das gestört-zerstörte Seelenleben der Figuren lenkt. Bühnenbildnerin Heike Vollmer belässt die Bühne weitgehend im Dunkeln und begnügt sich mit wenigen, aber ausreichenden Versatzstücken. Die verlorene Stimmung der Schilflandschaft, in der Wozzeck und Marie ihr Ende finden, wird ebenso pointiert getroffen wie die Tristesse der „arme Leut‘“. Im Fokus stehen stets die Figuren. Frontal postiert, oft passiv und regungslos, der Eindringlichkeit der Musik und Büchners kongenialem Text mit gutem Grund voll vertrauend.
Die prägnant getroffenen Charaktere der Figuren bilden die Basis der Inszenierung. Der schneidige, innerlich unsichere und ängstliche Hauptmann, der arrogant zynische, von Ehrgeiz zerfressene Doktor, der aufgeblasene Tambourmajor, die zwischen Freiheitsdrang und Schuldgefühlen zerriebene Marie und nicht zuletzt Wozzeck, der von allen getretene Untermensch, die wohl elendste Kreatur der Theatergeschichte, die die schlimmsten Demütigungen aus Zuneigung zu Marie und seinem unehelichen Kind erträgt. Das Kommando Himmelfahrt überzeichnet die Figuren nicht zu Karikaturen, sondern belässt ihnen menschliche Züge.

Foto © Will van Iersel
Nicht weniger wichtig nimmt das Kollektiv um Jan Dvořák, Thomas Fiedler und Julia Warnemünde die gestörten Beziehungen zwischen den Menschen. Alle scheinen ihr Dasein in isolierten Eigenwelten zu fristen. Es kommt allenfalls zu zögerlichen Annäherungsversuchen, zu Berührungen nie. Wobei es im Interesse der stimmlichen Präsenz nicht unproblematisch ist, die Titelfigur in den Szenen mit dem Hauptmann und dem Doktor so weit in den Hintergrund zu rücken.
Berührungen, was Wozzecks unsichere Liebkosungen, aber auch den Mord an seiner Marie und den Umgang mit seinem Kind angeht, lassen sich, wie in einer Scheinwelt, nur stellvertretend an Puppen ausführen. Ein ganzes Arsenal an nahezu lebensecht gestalteten Puppen ist der Kostümbildnerin Kathi Maurer zu verdanken.
Viel Arbeit hat es Generalmusikdirektor Christopher Ward gekostet, die komplexe Partitur der Oper möglichst präzise, aber auch mit der gebotenen emotionalen Intensität einzustudieren. Das Aachener Sinfonieorchester erfüllt seine heiklen Aufgaben vorzüglich. Probleme bereitet freilich die dichte Instrumentierung des groß besetzten und stark tönenden und die Sänger bisweilen übertönenden Orchesters. Die akustischen Bedingungen des Theaters lassen allerdings keine wesentliche Abfederung der Lautstärke zu.
Hrólfur Sæmundsson in der Titelrolle merkt man den großen Respekt vor der schwierigen Partie an. Er singt und agiert in der Premiere noch etwas verhalten, was der unterwürfigen Haltung der Figur entgegenkommt. Die aufblitzenden Visionen, Ängste und Ausbrüche könnten freilich noch nachdrücklicher zum Ausdruck kommen. Gleichwohl gelingt dem Sänger ein vortreffliches Rollendebüt.
Die psychische Zerrissenheit der Marie kann Irina Popova glaubhaft vermitteln, auch wenn ihre Stimme in den Höhen bedenklich harte Schärfen aufweist. Stimmlich makellos und szenisch fein polierte Rollenprofile bietet der Rest des Ensembles. Andreas Joost entpuppt sich in der Rolle des Hauptmanns als Charaktertenor erster Güte. Caleb Yoo bleibt dem Doktor nichts an empathieloser Arroganz schuldig, Soon-Wook Ka als Tambourmajor und Pascal Pittie als Andres erfüllen ihre relativ kleinen Aufgaben überzeugend. Nicht minder der Opern- und Extrachor einschließlich des Kinder- und Jugendchors Aachen.
Pedro Obiera