Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
„SO SCHÖN WIE HEUT‘ WAR’S NOCH NIE!“
(Diverse Komponisten)
Besuch am
29. August 2026
(Premiere)
Es ist „eines der schönsten Rathäuser am Niederrhein. Als romanische Burg vor etwa 800 Jahren entstanden, wurde das Schloss von der Stadt Willich restauriert und dient heute als Verwaltungszentrum und kultureller Mittelpunkt“. So zumindest beschreibt die Stadt Willich das Schloss Neersen im kleinsten, gleichnamigen Stadtteil. Seit 1984 finden im Innenhof, im Schlosspark, im Keller und im Ratssaal die Schlossfestspiele Neersen statt. Dieses Jahr dauern sie vom 14. Juni bis zum 30. August. Und Jan Bodinus, seit 2014 Intendant der Festspiele, kann heute Abend einen neuen Rekord verkünden. Mehr als 27.000 Besucher waren in diesem Jahr zu Gast. Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Passend steht an den letzten beiden Tagen des Festivals ein Feuerwerk des Opern- und Operettengesangs auf dem Spielplan. Seit Februar sind beide Aufführungen bereits ausverkauft.
Es braucht nicht viel, um das Publikum zu beglücken. Auf dem Podium, das im Ratssaal im ersten Obergeschoss aufgebaut ist, steht ein Flügel. Ein erstklassiger Pianist, eine gut vorbereitete Moderatorin und sechs junge, äußerst vielversprechende Sänger gestalten einen Abend, der die Besucher am Ende veranlassen wird aufzuspringen, um ihrer Freude und Begeisterung Luft zu verschaffen. Das Programm des Abends haben Stephanie Maria Ott und Patrick Francis Chestnut zusammengestellt. Geboren in Dortmund studierte Ott Gesang an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, ehe sie Engagements am Landestheater Detmold, an der Staatsoperette Dresden und an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg absolvierte. Heute betreibt sie eine Künstleragentur. Chestnut ist in Kalifornien geboren und studierte in Bloomington Klavier, Cello und Jazz. Heute arbeitet er als Kapellmeister, Dirigent und Stellvertretender Chordirektor an der Rheinoper. Er übernimmt auch die musikalische Leitung des Abends.

Katya Semenisty begeistert in Vortrag und Ausstrahlung – Foto © Michael Zerban
Zwar liest Ott ihre Moderationen vom Blatt, aber das kann die Freude des Publikums am lebendigen, wohlakzentuierten Vortrag, kleinen Pointen und überaus gelungenen Überleitungen nicht schmälern. Den Auftakt absolviert Julia Wirth brillant mit der Juwelenarie der Marguerite aus Charles Gounods Faust. Die Sopranistin absolvierte zunächst ein BWL-Studium in Düsseldorf, bevor sie ein Gesangsstudium an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf bei Konrad Jarnot aufnahm, wo sie derzeit im Master studiert. Ebenfalls von Gounod stammt die Oper Roméo et Juliette, aus der Tenor Henry Ross die Arie des Roméo Ah! Leve-toi, soleil! gefühlvoll vorträgt. Der Engländer, der in London Gesang studierte, wird ab der kommenden Spielzeit Mitglied des Solistenensembles an der Düsseldorfer Oper sein. Sein Landsmann Jacob Harrison studierte Gesang in Florenz und London und ist derzeit Mitglied im Opernstudio der Rheinoper. Aus Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart trägt der Bassbariton überzeugend die Registerarie des Leporello, Madamina, il catalogo è questo, vor.
Unvergessen ist die Interpretation des Schlagers Wenn ich einmal reich wär – der Milchmann Tevje träumt von einem besseren Leben im Musical Anatevka von Jerry Bock und Sheldon Harnick – von Ivan Rebroff. Da muss man sich bei Luke Stoker erst mal auf ein ganz anderes Klangbild einstellen. Der australische Bass, der in Brisbane studierte, gehört dem Düsseldorfer Solistenensemble seit 2019 an. Letztlich gelingt es ihm aber doch, das Publikum mit Strahlkraft zu gewinnen. Einer glänzenden Karriere sieht vermutlich Charlotte Langner entgegen. Ihren Master hat sie nach einem Studium in Salzburg bei Jarnot absolviert und befindet sich derzeit neben ersten Engagements im Exzellenzstudium. Im Duett E‘ il sol del anima aus Giuseppe Verdis Rigoletto mit Ross gefällt sie ebenso wie in der Arie Caro nome aus der gleichen Oper, der Höhepunkt steht allerdings noch bevor. Vorerst sorgt der Auftritt der Ukrainerin Katya Semenisty mit Nacqui all’affanno … Non più mesta aus Rossinis La cenerentola für ein Raunen im Saal. Nach ihrem Studium in Israel hat sie gerade das Opernstudio der Rheinoper abgeschlossen, jetzt beeindruckt sie in Vortrag und Ausstrahlung.

Charlotte Langner als Königin der Nacht – Foto © Michael Zerban
Für viel Spaß sorgt Wirth im Duett Ich gehe, doch rate ich dir aus Mozarts Entführung aus dem Serail mit Stoker, wenn sie als Blonde herrlich trotzig wird. Aus Così fan tutte schickt das Ensemble das Publikum mit Alla bella Despinetta in die Pause.
Als Königin der Nacht aus der Zauberflöte holt Langner das Publikum mit Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen ansatzlos zurück und versetzt es mit kristallklaren Koloraturen in entzücktes Staunen. Da ist Vi ravviso, o luoghi ameni aus La sonnambula von Vincenzo Bellini im Anschluss geradezu undankbar, aber Stoker schlägt sich gut. Aus der Lustigen Witwe von Franz Lehár gibt es eigentlich nur ein Stück, das an einem solchen Abend aufgeführt werden kann: Das Vilja-Lied findet in Wirth eine angemessene Interpretin. Ross wechselt die Tonalität deutlich, wenn er mit On the Street Where You Live aus My Fair Lady im Musical seine Fähigkeiten zeigt. Harrison kann mit Just Another Rhumba von George Gershwin nachlegen. Zwar zählt Carceleras aus der Zarzuela Las hijas des Zebedeo von Ruperto Chapi nicht zu den bekanntesten Arien, aber Semenisty lässt mit ihrem Vortrag erneut aufhorchen. Mit wunderbar warmem Timbre überzeugt die Mezzosopranistin auch den letzten Hörer. Wunderbar. Das Quartett Bella figlia dell’amore aus Rigoletto leitet über zum nächsten Höhepunkt. Ein überragend emotionales Duett liefern Wirth und Semenisty mit Belle nuit, ô nuit d’amour ab, der nur allzu bekannten Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach. Da schmelzen die Hörer dahin. Kraftvoll und markant gelingt es Harrison und Stoker, mit ihrem Duett Suoni la tromba aus Bellinis I puritani mitzuhalten.
Großartig ausgewählt ist das Finale. So ein Tag, so wunderschön wie heute ist nicht nur Gassenhauer, lädt auch zum Mitsingen ein und klingt aus den operngeschulten Kehlen der Sänger hinreißend. Das Feuerwerk des Musiktheaters auf höchstem Niveau zum Abschluss des Festivals ist mehr als gelungen. Da verwundert es nicht, dass es die doch überwiegend älteren Herrschaften im Publikum nicht auf den Stühlen hält, um sich bei den Künstlern lang und ausgiebig zu bedanken. Wie Ott und Chestnut das im kommenden Jahr steigern wollen, bleibt vorerst ihr Geheimnis. Streng geheim ist auch noch, wie Bodinus die Besucherzahlen weiter in die Höhe treiben will. Nur so viel sei verraten: Es wird ihm mit einer Komödie gelingen, die schon ganze Generationen seit 1944 zum Lachen gebracht hat. Und mitgesungen wird auch wieder.
Michael S. Zerban