O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Schubertiade Schwarzenberg

Schubertiade Schwarzenberg 2026

Wo du nicht bist, dort ist das Glück

LIEDERABEND KONSTANTIN KRIMMEL
(Robert Schumann, Franz Schubert)

Besuch am
22. August 2026
(Einmalige Aufführung)

 

Schubertiade Schwarzenberg, Angelika-Kauffmann-Saal

Schwarzenberg zeigt sich zu Beginn des Zyklus’ im August von seiner schönen Seite: Regen fällt nur mal so zwischendrin, um dann wieder der Sonne Platz zu machen, an einem blauen Himmel mit weißen Wolken, die die Gipfel umspielen. Viele Besucher des international berühmten Festivals machen den Ort lebendig, überall kann man auch draußen sitzen, zwischen den wunderbaren Vorarlberger Holzhäusern, den behäbigen Gasthöfen. Die Kirche beherbergt Gemälde von Angelika Kauffmann, die dem Konzertsaal ihren Namen geliehen hat. Nicht weit davon ist ein Museum für sie eingerichtet, das zur Schubertiade in der Sommerausstellung Erlesen. Angelika Kauffmann und die Literatur den Geschichten nachspürt, die die Malerin in ihren Bildern erzählt. Der Ort macht sich jeweils zur Schubertiade fein, bietet Ausstellungen verschiedenster Künstler in der alten Poststelle, im Gasthof Adler, der ehemaligen Bäckerei Fetz, am Konzertsaal und im neuen Alpaka-Erlebnis-Café, mit dem eine junge Familie ihren Alpaka-Laden erweitert hat. Es ist mitten im Dorfzentrum unweit des Veranstaltungsortes gelegen, wo man sich in heller Atmosphäre inmitten lebensgroßer Alpakafotos von der eigenen Farm verwöhnen lassen kann.

Im April hatte man zur Schubertiade in Hohenems die Rekonstruktion des Programmes der ersten Schubertiade 1976 und damit den 50-jährigen Geburtstag gefeiert. Der Zyklus im August bringt viel Bekanntes, Künstler, die allesamt schon öfters hier zu hören waren. Was aber in keiner Weise sagen soll, dass man nicht jeden Auftritt wieder mit Spannung erwarten kann. Nach zwei Kammermusikkonzerten mit David Fray und dem Quatuor Danel mit Elisabeth Leonskaja erscheint zum ersten Liederabend im August das Publikum, das den Saal mühelos füllt, in eher alltäglichem Gewand, nicht gerade vom Berg kommend, aber dennoch eher in hübscher Bequem- denn Abendgarderobe.

Konstantin Krimmel, auch recht leger im weißen Leinenhemd, ist sicherlich einer der am meisten gefragten Liedsänger momentan, sein Kalender ist voll mit Recitals. Aber auch in der Oper ist er sehr aktiv, als Ensemblemitglied in München steht er in diesem Herbst in Ariadne auf Naxos und der Zauberflöte auf der Bühne der Staatsoper, als Papageno auch im neuen Jahr im Royal Opera House in London.

Hier in Schwarzenberg stellt er mit vier Liedern von Franz Schubert Drei Romanzen und Balladen, op.45 und Fünf Lieder, op. 40 von Robert Schumann, ein umfangreiches Programm vor die Pause, nach der noch Schumanns Dichterliebe kommt. Krimmel ist bekannt und geliebt für seine minutiöse Darstellung komplexer Inhalte. Das Wort ist ihm wichtig, er deklamiert sehr deutlich, aber nicht aufdringlich, scheut sich nicht, mimisch die Aussage zu vertiefen. Mit großem innerem Gestaltungswillen nimmt er die 28 Lieder des Abends in Angriff. Seine Stimme schwingt frei, mit hellem, sehr angenehmem Timbre, das Vibrato wird nur gekonnt eingesetzt, um den Ausdruck zu verstärken. Er ist ein Meister der Differenzierung, der die Inhalte stark imaginiert und den Zuschauer in seine Welten einbeziehen kann. Dabei greift er auf eine fulminante Technik zurück. Nie gibt es eine Stelle, wo der Atem nicht zu reichen scheint, der Fluss wird nur der Aussage willen unterbrochen, wie in Ich will meine Seele tauchen von Schumann, bei „Das Lied soll schauern und beben wie der Kuß von ihrem Mund“. Krimmel hat eine Gabe, die beileibe nicht jedem Liedsänger zu eigen ist: innerhalb von Sekunden eine andere Welt zu erschaffen.

Foto © Schubertiade Schwarzenberg

In der Frühlingsfahrt offenbaren der Sänger und sein Pianist Ammiel Bushakevitz leuchtende Farben in der Ausgestaltung. Schuberts Wanderer endet mit den beiden in dem grausigen Satz „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück“ in einem fast schon expressionistischen Gemälde. Voller stiller Sehnsucht und verhaltener Erotik gelingt Des Fischers Liebesglück. Mit fein dosierter Agogik begeben sich die beiden Künstler auf das schaukelnde Wasser des Sees, das für Krimmel allerdings an diesem Abend einige Tücken aufweist. Der ohne Noten oder Texte singende Bariton verläuft sich in den zahlreichen Strophen, findet mit Textwiederholungen doch noch zum seligen Ende und schmälert dadurch dennoch nicht den Vortrag. Sein letztes „Und meinen enthoben der Erde schon oben, schon drüben zu sein“ ist nicht mehr von dieser Welt. Krimmel ist ein Sänger der feinen Töne, der feinen Modulierungen, der zarten Abstufungen, das macht ihm heute kaum einer nach. Die Fünf Lieder op. 40 nach Hans Christian Andersen offenbaren alle eine überraschende Wendung am Ende, die die beiden Künstler mit viel Freude und auch Humor zelebrieren. In Der Soldat verdeutlicht Bushakevitz im Zwischenspiel das grausame Leid dessen, der seinen Freund erschießen muss.

Nach der Pause hat sich Krimmel ein Notenpult mit dem Text hinstellen lassen, eine Hilfe, die viele andere Sänger bei jedem Auftritt in Anspruch nehmen. In der Dichterliebe scheint es manchmal unfassbar, mit welcher Differenziertheit bei den Vokalen der Sänger seine Lieder ausgestaltet. Auch bei der Dynamik steht ihm ein wirklich großes Spektrum zur Verfügung. Im Rhein, im heiligen Strome gerät schon zu Anfang dem Irrsinn nahe. Ich grolle nicht zeigt leichte Grenzen im Forte in der Höhe. Bushakevitz legt mit seinem sensiblen und warmen Spiel, das den Sänger in jeder Sekunde kongenial unterstützt, bei Und wüßten’s die Blumen, die kleinen tiefen Schmerz in das Ende, bei Am leuchtenden Sommermorgen das Mitgefühl der Blumen mit pianistischem Feingefühl ins Nachspiel. Mit einer beherzten Einleitung beginnt das letzte Lied des Abends, Die alten, bösen Lieder, und lässt ein völlig begeistertes Publikum zurück.

Krimmel bedankt sich vor der ersten Zugabe für die Geduld des Publikums beim ersten, längeren Teil, singt von Schumann Mit Myrten und Rosen und Nacht und Träume von Schubert, um dann die standing ovations des gesamten Saales gemeinsam mit seinem Partner am Klavier sichtlich berührt entgegenzunehmen.

Es werden in diesem Zyklus in Schwarzenberg bei den Liederabenden Christiane Karg, für den erkrankten Andrè Schuen nochmals Krimmel, Sophie Rennert und am Ende ein Quartett folgen, mit einigen kammermusikalischen Konzerten dazwischen.

Jutta Schwegler