Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
DER FREISCHÜTZ
(Carl Maria von Weber)
Besuch am
29. Juli 2026
(Einmalige Aufführung)
Abgeerntete, flachsblonde Felder, soweit das Auge reicht. Im Hintergrund Kraftwerke, aus denen in dicken Wolken Wasserdampf aufsteigt. Rund 40 Kilometer von Düsseldorf entfernt, liegt Rommerskirchen. Genauer: das Kulturzentrum Sinsteden im gleichnamigen Ortsteil. Ein ehemaliger Vierkanthof, zwei Hallen, in denen Skulpturen des Bildhauers Ulrich Rückriem untergebracht sind, und ein Landwirtschaftsmuseum, das die technische Entwicklung in der Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt. Bereits zum fünften Mal tritt hier das Music-to-go-Ensemble von Désirée Brodka auf.
Alljährlich zur Sommerszeit bricht das Ensemble zur Tournee auf, um mit seinem besonderen Format die Bürger in der Fläche für das Musiktheater zu begeistern. Elf Stationen sind heuer vorgesehen, zum ersten Mal findet die Premiere in Rommerskirchen statt. Da lässt es sich selbst der Bürgermeister, Martin Mertens, nicht nehmen, der Aufführung beizuwohnen. Er befindet sich in guter Gesellschaft. Die Stühle und Bänke unter dem Vordach sind voll besetzt. Davor ist ein Podest aufgebaut und eine Sitzgruppe für die Musiker. Hier sitzt man wahrhaftig dicht am Geschehen.

Maria-Eunju Park und Maija Tutova – Foto © Michael Zerban
Wie jedes Jahr gibt es auch diesmal eine neue Produktion. Brodka hat sich an den Freischütz von Carl Maria von Weber getraut, Deutschlands Nationaloper. Eine zweieinhalbstündige Oper mit großem Orchester und 16 Rollen. Da braucht es schon ein Opernhaus oder wenigstens ein ordentliches Theater, um das auf die Bühne zu bringen. Zumindest, so lange es nicht nach Brodka geht. Das von ihr entwickelte „Oper-im-Espresso-Format“ reduziert die Länge auf auch für Nicht-Operngänger angenehme 90 Minuten. Das Personal auf der Bühne wird auf absolut für die Handlung notwendige Personen zusammengestrichen. Und statt des Orchesters gibt es ein Streicherquartett, für das Grigoriy Losenkov eigens ein Arrangement schreibt. Die Handlung wird von Brodka in humorvollen Zwischenmoderationen wiedergegeben. Wie bei den Musikern gibt es auch bei den Sängern keine Abstriche in der Qualität. Liebevoll hat sich in diesem Jahr wieder Monique Brodka den Kostümen gewidmet. Dabei geht es nicht um irgendwelche wirren Neudeutungen, sondern darum, die Rollen eindeutig darzustellen, um den Zuschauern das Verständnis der Handlung zu erleichtern.
Das bewährte Konzept sieht vor, die Bühne möglichst einfach zu gestalten. Und so kommt sie auch beim Freischütz mit einer Stellwand, über die bedruckte Stoffe mit typischen Situationsbildern geworfen werden, und einem Tisch aus. Viel Wert legt Brodka auf passende Requisiten, die durchaus auch mal spaßig sein dürfen. Und auch gegen ein, zwei schöne Spezialeffekte hat die studierte Opernsängerin nichts einzuwenden.

Dumitru Madarasan und Jihoon Do – Foto © Michael Zerban
Schon in der Ouvertüre zeigen die vier Musiker, die hauptberuflich aus Festanstellungen in großen Orchestern kommen, ihre Klasse. Die Geigerinnen Anna Straub und Valentina Resnyanska, Bratschistin Alina Iskhakova und am Cello Maksim Korobejnikov glänzen im harmonischen Zusammenspiel, unterstützen die Sänger hervorragend und lassen die richtigen Akzente nicht vermissen.
An Spielfreude stehen die Akteure auf der Bühne den Musikern in nichts nach. Tenor Jihoon Do verkörpert einen sehr glaubhaften Max und präsentiert nebenbei noch einen schön unheimlichen Samiel. Als Kaspar gefällt der Bass Dumitru Madarasan, besonders im Sterben darf er beweisen, dass er neben seinen sanglichen Qualitäten auch darstellerisch überzeugen kann. Maria-Eunju Park darf in Rommerskirchen ihren ersten Auftritt im Ensemble feiern und ist als Agathe eine Idealbesetzung. So treuherzig stellt man sich die umworbene Braut vor. Auch Maija Tutova ist in diesem Jahr wieder dabei und kann als Ännchen gesanglich wie darstellerisch ihre große Klasse zeigen. Désirée Brodka moderiert sich einmal mehr in die Herzen des Publikums. Ein Ensemble, das nicht nur in den Einzelrollen, sondern auch im Zusammenspiel begeistert.
Dass die Besucher nach Ouvertüre, Quartetten, Duetten und Arien schon nicht mit Applaus sparen und am Ende nahezu aus dem Häuschen geraten, nachdem das Victoria auch als triumphale Zugabe funktioniert, zeigt einmal mehr, wie wertvoll die Arbeit ist, die Brodka und ihr Team leisten, wenn sie die Menschen unter freiem Himmel in die Welt der Oper entführen.
Michael S. Zerban