Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
YO SOY MARÍA
(Diverse Komponisten)
Besuch am
12. Juli 2026
(Premiere am 11. Juli 2026)
Deutsche Oper am Rhein im Theatermuseum Hofgartenhaus Düsseldorf
Es soll ja niemand sagen, die Oper kümmere sich nicht um den Nachwuchs. Eine Möglichkeit, wie junge Leute mit der Oper in Kontakt kommen können, bietet der Spielclub Musiktheater der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Hier sollen die Jugendlichen selbst zu Theatermachern werden, „bei wöchentlichen Treffen szenisch arbeiten, musizieren, diskutieren, eigene Texte schreiben und verschiedene künstlerische Praktiken in Impulsworkshops ausprobieren“. Außerdem, so ist weiter auf der Netzseite zu lesen, bestehe die Möglichkeit, hinter die Kulissen des Vorstellungsbetriebes zu schauen, Proben und Vorstellungen zu besuchen und sich mit Experten auszutauschen. Ziel des Clubs sei es, am Ende der Spielzeit eine eigene Musiktheater-Aufführung vorzustellen.

Foto © Michael Zerban
Also lädt die Junge Oper am Rhein unter Federführung von Michaela Dicu am Wochenende zu drei Vorstellungen, nein, nicht auf die Opernbühne, sondern in das Theatermuseum Hofgartenhaus Düsseldorf ein. Die Jugendlichen haben, erzählt Projektleiterin Nadja Görts unmittelbar vor Beginn der Aufführung, sich für ihre Produktion Yo soy María – Ich bin María von der Tango-Operita María de Buenos Aires, die im Februar dieses Jahres in der Regie von Johannes Erath in Düsseldorf Premiere feierte, zu eigenen Texten und eigener Musik inspirieren lassen. Für die musikalische Unterstützung sorgt das Jugendzupforchester NRW, nach eigenen Angaben ein Auswahlorchester für die besten jungen Mandolinen-, Gitarrenspieler und Kontrabassisten des Landes Nordrhein-Westfalen im Alter zwischen 16 und 27 Jahren. Die musikalische Leitung hat Luke Pan. Ein Bandoneon ist bei den Szenischen Fragmenten nach „María de Buenos Aires“, so der Untertitel, nicht vorgesehen. Auch Sänger sind offenbar im Spielclub Musiktheater der Oper nicht vorhanden. Für den Gesang sorgt die Stadtoper, ein „Community-Music-Projekt für Jung und Alt“ der Jungen Oper, das sich heute Abend als ein Chor über 50-Jähriger unter der musikalischen Leitung von Franzis Lating und Sheyda Ghavami darstellt. Weitere Unterstützung erfahren die jungen Leute bei der durchaus anspruchsvollen Tongestaltung durch Linus Bausen, für die Ausstattung und Kostüme sorgt Dilara Göksügür. Eindrucksvoll ist, dass laut Teilnehmerliste, die es anstelle eines Programmzettels gibt, an der Lichtgestaltung acht Leute beteiligt sind.

Foto © Michael Zerban
Erhellendes gibt es inhaltlich wenig. Es ist ja durchaus en vogue, die christliche Religion und ihre Protagonisten in Frage zu stellen. Da darf man wohl auch unter dem Deckmantel einer „modernen Frauenrolle“ die Marienverehrung in Frage stellen. Zumindest kann man sie zur Diskussion stellen. Die Prostitution in ein, zwei Spielszenen abhandeln zu wollen, muss aber zu kurz greifen. Und so bleibt das Thema auch zu oberflächlich und mündet in Klischees. Beim Thema Femizid wird es gar arg plakativ und mit der Forderung nach einer „eigenen Gesetzgebung“, weil die Gerichtsbarkeit angeblich das Thema nicht ernst genug nimmt, populistisch. Nicht die Forderung, sondern die Frage ist das diskursive Mittel des Theaters.
Handwerklich gerät die Aufführung zu einem sehr schönen Erlebnis auf recht hohem Niveau. Der Tango-Grundschritt aus dem Anfängerkurs der Tanzschule korreliert vielleicht nicht zwingend mit dem Tango nuevo, aber die Choreografie auf dem kleinen Platz vor dem Hofgartenhaus sorgt für Spaß und sorgt für den rechten dramaturgischen Gegensatz zum Auftritt der Maria mit Krone auf dem Balkon. Wunderbar gelingen die räumlichen und die damit verbundenen szenischen Wechsel. Im großen Saal tritt der Chor im Vierteldunkel auf. Überzeugend sind die Interviewsituationen in dessen Vorraum mit ihren Zwischenrufen. Sehr gut gewählt ist die Bar-Szene im Foyer mit dem neuerlichen Auftritt des Orchesters und der großartigen Intervention des Chors, der mit Rhythmusinstrumenten einmarschiert. Mit einer „Demo“ wird das Publikum in das obere Stockwerk geleitet, wo ein Tänzerpaar eine überzeugende Darstellung im Gegenlicht eines Erkers abliefert, die mit dem Tod Marias endet.
Geradezu konsequent erscheint die Überführung des Leichnams in den großen Saal in der ersten Etage, wo Amazing Grace, das Orchester und die Darsteller, jetzt als Sprechchor, für einen weiteren Höhepunkt sorgen. Etwas unklar bleibt der Schluss, zu dem sich wieder alle, wohl geleitet von den Darstellern, vor dem Hofgartenhaus einfinden. Gibt es dort die Versöhnung mit der Marienverehrung, ist gar jede Frau eine reine Maria? Zumindest wird die Krone weitergereicht. Wäre ja dann auch ein schöner Abschluss. Dem Publikum gefällt die Spielfreude aller Beteiligten, und so fällt der Applaus auch reichlich aus.
Michael S. Zerban