O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Anne Orthen

Aktuelle Aufführungen

Am liebsten Gegenwartsmusik

FOKUS: JASCHA HORENSTEIN
(Diverse Komponisten)

Besuch am
21. Juni 2026
(Einmalige Aufführung)

 

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, Oper Düsseldorf, Rangfoyer

Ein Jascha-Horenstein-Gedenktag am 21. Juni 2026? Warum auch immer. Aber man soll ja die Feste feiern, wie sie fallen. Jascha Horenstein wurde am 6. Mai 1898 in Kiew als dreizehntes von sechzehn Kindern einer religiös und musikalisch gebildeten jüdischen Familie geboren. Als Jascha sechs Jahre alt war, verließ die Familie Russland und siedelte sich in Königsberg an. Dort erhielt der Junge seinen ersten Violinunterricht. Wiederum sechs Jahre später zogen die Horensteins nach Wien. Hier studierte Horenstein bei Joseph Marx und Franz Schreker. 1922 absolvierte er sein Debüt als Dirigent. Bereits 1920 war er Schreker nach Berlin gefolgt, wo er künftig von Wilhelm Furtwängler gefördert wurde. 1928 ging Horenstein als Erster Kapellmeister an das Düsseldorfer Opernhaus. Bereits ein Jahr später übernahm er das Amt des Generalmusikdirektors. Gemeinsam mit dem Generalintendanten Walter Bruno Iltz ermöglichte Horenstein hier Musiktheater, das sich bewusst der Moderne öffnete.

Hokeyong Song und Katharina Kohoff – Foto © Anne Orthen

Am 13. Februar 1933 war anlässlich einer Feierstunde zum 50. Todestag Richard Wagners, die Horenstein dirigierte, in der Volksparole, der ersten Zeitung der NSDAP in Düsseldorf und Vorläuferin der Rheinischen Landeszeitung, zu lesen: „Leider hat Herr Horenstein die Weihestunde dirigiert. Wir müssen sagen ‚leider’, denn es ist unerhört, daß das deutsche Theater in Düsseldorf für eine Wagnerfeier keinen deutschen Dirigenten findet, daß man hierzu Herrn Sascha Horenstein bemühen muß. […] Oberbürgermeister Lehr und Generalintendant Iltz werden sich noch umstellen müssen, sonst wird hier eines Tages auf irgend eine Weise doch dafür gesorgt werden müssen, daß im deutschen Düsseldorf wirklich deutscher Geist und deutsche Kultur in allen Zweigen zur Geltung kommt.“ Dafür wollte Anfang März desselben Jahres eines SA-Einheit sorgen. Horenstein musste nach dem ersten Akt des Fidelio das Pult verlassen und konnte unerkannt entkommen. Ab den 1950-er Jahren arbeitete Horenstein, der inzwischen als Mahler- und Bruckner-Dirigent Maßstäbe setzte, auch wieder in Deutschland. Nach Düsseldorf kehrte er allerdings nie wieder zurück.

Am 10. April 1930 hatte Horenstein die Düsseldorfer Erstaufführung von Wozzeck in Anwesenheit des Komponisten dirigiert. Am 21. Oktober 2017 fand die Premiere des Wozzeck in der Inszenierung von Stefan Herheim statt, die nun an der Rheinoper wiederaufgenommen wird. Um die Nachmittagsvorstellung haben die Oper und die Robert-Schumann-Hochschule in Kooperation mit der Mahn- und Gedenkstätte, dem Stadtarchiv und dem Theatermuseum ein Programm gestrickt. Beginnend mit einer Matinee, begleitet von einem achtminütigen Videofilm und abgeschlossen von einem Gespräch über Aufnahmen von Horenstein steht die Opernaufführung, die am 1. Juli abends wiederholt wird.

Hokeyong Song und Daniel Ehrenfeuchter – Foto © Anne Orthen

Der Vormittag allerdings gehört den Studenten der Musikhochschule, die im Rangfoyer des Düsseldorfer Opernhauses ein Konzert unter dem Titel Wien – Berlin – Düsseldorf: eine musikalische Hommage an Jascha Horenstein mit Werken von Ernst Krenek, Igor Strawinsky, Alban Berg, Franz Schubert und Ludwig van Beethoven aufführen. Moderiert wird es von Gundela Bobeth. Die Professorin für Musikwissenschaft ist seit Anfang April Prorektorin für Forschung, Transfer und Chancengleichheit.

1924 komponierte Ernst Krenek die Kleine Suite für Klarinette in B und Klavier. Bestehend aus fünf tanzlastigen Sätzen wird sie vom Klarinettisten Daniel Ehrenfeuchter und Pianistin Hokeyong Song interpretiert. Song sitzt auch am Klavier, als sich Geigerin Suvd Enkhtuvshin und Klarinettistin Jioe Sohn dazu gesellen, um Auszüge aus Die Geschichte vom Soldaten von Igor Strawinsky zu präsentieren. Auch hier überwiegt mit Tango, Walzer und Ragtime sowie dem Danse du Diable die „Tanzmusik“. Eine ganz andere Klangfarbe bringt Katharina Kohoff ins Spiel. Die Sopranistin ist im Masterstudiengang bei Anja Paulus. Von Alban Berg singt sie Sieben frühe Lieder.

Die Geigerinnen Dream Cho und Haim Kim präsentieren gemeinsam mit der Bratschistin Jueun Kim und Severin Haslach am Cello das Streichquartett d-Moll von Franz Schubert, bestens bekannt unter dem Titel Der Tod und das Mädchen. Zum Abschluss tritt ein Bläseroktett an, um die Ouvertüre aus Fidelio sehr ansprechend zu interpretieren.

Das Publikum ist sehr angetan und applaudiert freundlich. Und wenn das Gedenken an einen Mann, der vor knapp hundert Jahren an der Düsseldorfer Oper gearbeitet hat, dazu führt, dass heute so viel Gegenwartsmusik gespielt wird wie zur damaligen Zeit, dann wäre dieser Tag ja ein großer Erfolg für die Deutsche Oper am Rhein.

Michael S. Zerban