Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
FREITAGSMUSIK
(Diverse Komponisten)
Besuch am
6. Februar 2026
(Einmalige Aufführung)
Wer in diesen Tagen im Rheinland zu einem klassischen Klavierkonzert einlädt, wird kaum ernsthaft mit größerem Publikumsandrang rechnen dürfen. Die Karnevalssession ist extrem kurz, aber keine der Karnevalsgesellschaften wird deshalb auf ihre Sitzung verzichten. So sind die Termine seit Januar eng belegt. Mancher Karnevalist wird in der übernächsten Woche aufatmen, wenn der Rosenmontagszug über die Straße gegangen und das Aschekreuz am Mittwoch empfangen ist. Kantor Ingo Hoesch ficht das nicht an. Und so findet auch an diesem Wochenende die Reihe Freitagsmusik ihre Fortsetzung, um das musikalische Spektrum in der Kirche St. Mariä Himmelfahrt im Düsseldorfer Stadtteil Unterbach zu bereichern.
„Recht so!“, möchte man ihm zurufen, denn zum einen lohnt ein Besuch der abgelegenen Kirche im architektonischen Stil des Brutalismus immer, und zum andern hat er einen Gast eingeladen, für den man das närrische Treiben gern einmal unterbricht. Anna Seropian ist in Georgien geboren und stammt aus einer armenischen Musikerfamilie. Als Kind sang ihr die Großmutter armenische Lieder vor. Das sollte ihre spätere musikalische Entwicklung prägen. Mit zwölf Jahren gab sie in Tiflis mit Beethovens Erstem Klavierkonzert ihr solistisches Debüt und studierte dort auch Klavier und Komposition. Das Studium setzte sie ab 2002 an der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule bis zum Konzertexamen fort. Neben der Musik befasst sie sich auch mit der Malerei.

Foto © Michael Zerban
Für den heutigen Abend hat sie ein Programm zusammengestellt, das nicht nur vom allzu üblichen Kanon abweicht, sondern auch geeignet ist, ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen. Trotz ihres Hustens lässt sie es sich dabei nicht nehmen, die Werke anzumoderieren. Pjotr I. Tschaikowski hatte keinen guten Lauf, weder musikalisch noch finanziell, als der Petersburger Verleger Nikolai Bernhard ihn beauftragte, einen „Kalenderzyklus“ zu komponieren. Der Herausgeber der Petersburger Musikzeitschrift Nouvelisste wollte Monat für Monat ein neues Heft mit aktuellen Klavierkompositionen herausgeben. Die sollten sich jeweils auf den Monat beziehen. Und so entstanden vom Dezember 1875 bis zum Mai 1876 die Jahreszeiten, in Deutschland eher selten gespielte Stücke, aus denen Seropian zur Eröffnung sechs Stücke vorstellt: Am Kamin, Karneval, Lerchengesang, Maiglöckchen, Barcarolle und das Schnitterlied. Schon beim Vortrag der Miniaturen wird das Besondere des Abends deutlich. Nicht nur, dass der Klang des Flügels den Saal erfüllt, sondern auch sanfter Nachhall, ganz fein aus der Ferne, ist zu hören. Er verleiht dem Konzert einen Hauch von Mystik und lässt es damit aus der Vielzahl von Klavierkonzerten herausragen.
Russkaya Pesnya heißt die Nachtigall und ist der Titel eines Gedichtes von Anton Delvig, der es in seinen Russischen Liedern veröffentlichte. 1826 vertonte Alexander Alyabyev das Gedicht unter dem Titel Nachtigall als Kunstlied. Ein melancholisches Lied, in dem die Nachtigall als Symbol für Liebe und Trennung besungen wird. Es drückt die Trauer eines jungen Mädchens aus, das seinen Geliebten verloren hat. Franz Liszt verfasste eine Transkription für Klavier, die Seropian nun zum Besten gibt. Wenn jemand virtuos spielen will, kommt er um Frédéric Chopin nicht herum. Und so hat Seropian das Impromptu opus 29,1 in As-Dur in ihr Rezital aufgenommen, das bei ihr klingt, als sei es das Leichteste auf der Welt, solch ein Stück zu spielen. Das ändert sich auch im nächsten Stück nicht.

Foto © Michael Zerban
„Mon dieu, wie ist das schwer zu spielen, dieses Stück vereinigt in sich, wie es mir scheinen will, alle Arten mit dem Klavier umzugehen, denn es verbindet Kraft und Anmut, wenn ich so sagen darf …“, sagte Claude Debussy über das 1904 erschienene L’isle joyeuse, ein Monumentalstück, das zu den berühmtesten Werken des französischen Komponisten und den populärsten Arbeiten des Impressionismus zählt. Das virtuose und technisch schwierige Stück erzählt in glühenden Farben von der ekstatisch-orgiastischen Hochstimmung in einer antiken Traum- und Ideallandschaft. Und Seropian gönnt dem Publikum das Vergnügen, es als eben solch kräftig bunt getupftes Bild zu erleben.
Der eigentliche Höhepunkt des Abends kommt bei Seropian eher beiläufig daher, in fast schon Widerspruch provozierendem Understatement. Die Komponistin spielt zwei ihrer eigenen Stücke, die sie selbst als Tongedichte bezeichnet. Ihrem Prelude liegt das Gedicht Verirrtes Boot von Mikhail Lermontov zugrunde. Und mit Sphärenklängen, das sie heute Abend als Uraufführung präsentiert, hat sie das Gedicht Ein Wort von Gottfried Benn vertont. „Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, ein Flammenwurf, ein Sternenstrich – und wieder dunkel, ungeheuer im leeren Raum um Welt und Ich“, heißt es in der zweiten Strophe. Und ganz so klingt es auch, wenn die Pianistin in die Tasten greift.
Mit einer kleinen Kunstpause, die das Publikum zu berauschtem Applaus nutzt, sorgt sie dafür, dass aus dem letzten Werk des Abends zugleich die Zugabe wird. Revaz Lagidze war ein georgischer Komponist, der von 1921 bis 1981 lebte. Von ihm erklingt Rondo – Toccata als glorioses Finale.
Auch wenn an diesem Abend noch viel Platz für weitere Besucher gewesen wäre, ist Hoesch auf dem richtigen Weg. Ausgefallene Programme, exzellente Künstler und ein ungewöhnlicher wie anheimelnder Spielort sind die richtigen Leitplanken, um langfristig mehr Besucher für die musikalische Kirche in Unterbach zu begeistern. Für Musiker vom Range einer Anna Seropian sollte man auch den längeren Anfahrtsweg von Düsseldorfs Zentrum in Kauf nehmen.
Michael S. Zerban