O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Dokumentarfilm

Vorfreude in kräftigen Bildern

Bildschirmfoto

Nach dem Opernpasticcio The Plague, das Kobi van Rensburg als Video gestaltet hat, meldet sich nun auch die Ballettsparte des Theaters Krefeld Mönchengladbach zu Wort. Bis Ende Februar hatte das Ensemble von Robert North an der Uraufführung von Alles neu geprobt, auf die Bühne vor Publikum kam der Ballettabend in vier Einzelchoreografien nicht. Jetzt hat das Theater einen gut 20 Minuten dauernden Dokumentarfilm veröffentlicht, der trotz seiner Schwächen sehenswert ist.

Seit 2010 ist der Choreograf Robert North Ballettdirektor am Theater Krefeld Mönchengladbach. Umso erstaunlicher ist, dass der gebürtige Engländer nach einem Jahrzehnt Aufenthalt am Niederrhein seinen Text nicht auf Deutsch einspricht. Da müssen Krefelder und Mönchengladbacher schon die Untertitel bemühen, die bei YouTube angeboten werden. Weniger ungewöhnlich ist, dass außer ihm niemand zu Wort kommt. Egal, was man über die Arbeit des früheren Ballettdirektors an der Deutschen Oper am Rhein denken mag, hat Martin Schläpfer gerade in der Zeit vor seinem Abgang nach Wien vielen Mitgliedern seiner Compagnie Gelegenheit gegeben, sich zu profilieren. Ein solches Bemühen wird man in Krefeld und Mönchengladbach vergebens suchen. Also hört man einen Ballettdirektor, der in der Relation nur selten im Film zu sehen ist.

Der Film zeigt repräsentative Ausschnitte aus der geplanten Uraufführung Alles neu. Es sind starke Bilder. Das Theater hat sich dabei nicht auf das eigene Know-how verlassen, sondern eine auswärtige Firma beauftragt. Und so sorgen Malte Brinkmann, Lukas Spijkermans und Oskar Piorkowski mit ihren Kameras für eindrucksvolle Inszenierungen der Probenausschnitte, aber auch von Bildern am Bühnenrand und hinter der Bühne. Ohne filmkünstlerische Überhöhung bekommt der Zuschauer hier einen satten Einblick in die Arbeit der Compagnie. Das macht richtig Spaß, zumal North bei den vier Choreografien von im selbst, Marco A. Carlucci, Takashi Kondo und Yoko Takahashi seine Tänzer mal richtig „von der Leine“ gelassen hat. Ballett von seiner schönsten Seite. Wenn Tänzer ansatzlos durch die Luft wirbeln, Tänzerinnen mit unsäglicher Leichtigkeit in aussagekräftige Posen gleiten, kommt es auf den Spitzentanz nicht mehr an. Ob man solch faszinierende Bilder tatsächlich auf der Bühne in dieser Intensität zu sehen bekommen wird, darf bezweifelt werden. Die Kameraleute haben bewusst jede Distanz aufgegeben und sich ganz aus der Nähe auf die Tanzszenen eingelassen. Gratulation.

Auch North, der sonst als einer gilt, der immer alles richtig macht, ohne wirklich zu begeistern, gebührt Lob nicht nur, weil er seine Compagnie trotz erheblicher Einschränkungen – die Tänzer mussten sich in Gruppen aufteilen, um überhaupt proben zu dürfen – endlich mal fordert, was diese mit höchstmöglichem Einsatz danken. Sondern auch die Musikauswahl ist brillant. Wobei das eine vermutlich nicht ohne das andere geht. Ludovico Einaudi, Massimo Durante, Arvo Pärt, André Parfenov, 2Cellos und Antonio Vivaldi stehen hier nicht nur für Modernität, sondern sind auch großartig tänzerisch umgesetzt. Dass die Musik von der Festplatte muskulös nach vorne kommt, ist Piorkowski zu verdanken, der den Ton verantwortet.

Diesen Film wird man sich ansehen, ohne sich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Er steht vollständig der Zurückhaltung des klassischen Tanzes entgegen, die man derzeit erfährt. Und genau deshalb wäre da noch vieles möglich gewesen. Aber auch so ist der Film ein Genuss nicht nur für Ballettfreunde. Wann Alles neu in Krefeld oder Mönchengladbach zu sehen sein wird, steht übrigens in den Sternen. Denn es wird nach Auskunft der Dramaturgin Regina Härtling, so ist es bislang vorgesehen, keine weitere filmische Umsetzung des Balletts geben. Umso wichtiger ist dieser Dokumentarfilm, der unbedingt sehenswert ist.

Michael S. Zerban