O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Hinter den Kulissen

Wer an Richard Strauss und seine Opern denkt, dem kommt vielleicht als erstes Der Rosenkavalier in den Sinn, sein wohl bekanntestes und am meisten aufgeführtes Werk. Liebhaber dieses Werkes kennen natürlich auch den Librettisten der Oper, den Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal. Neben dem Welterfolg des Rosenkavalier hat Hofmannsthal noch bei weiteren acht Opern von Richard Strauss das Libretto geschrieben, darunter so bekannte Werke wie Elektra, Ariadne auf Naxos, Die Frau ohne Schatten und Arabella. Hugo Laurenz August Hofmann, Edler von Hofmannsthal, genannt Hugo von Hofmannsthal, wurde am 1. Februar 1874 in Wien geboren und war genau zehn Jahre jünger als Strauss. Hofmannsthal war ein österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker, Librettist sowie Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Er gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten des deutschsprachigen Fin de Siècle und der Wiener Moderne. Im Jahr 1899 lernte Hofmannsthal bei einer Gesellschaft im Haus des Berliner Dichters Richard Dehmel den damals 35-jährigen Kapellmeister und Komponisten Richard Strauss kennen. Bei einer erneuten Begegnung in Paris schlug ihm Hofmannsthal vor, gemeinsam ein Ballett zu produzieren; Hofmannsthals Entwurf Der Triumph der Zeit begeisterte Strauss jedoch wenig. Nachdem Strauss aber 1903 die Aufführung von Hofmannsthals Theaterstück Elektra in Berlin gesehen hatte, regte diesmal er eine Zusammenarbeit an. Hofmannsthal schrieb daraufhin für Strauss auf Basis seines Stückes das Libretto zu dessen Oper Elektra, die 1909 uraufgeführt wurde.

Ihr menschliches Verhältnis war auf Grund der harschen und fordernden Art und gewisser literarischer Unzulänglichkeiten des Komponisten auf der einen und des literarischen Anspruchs des feinsinnigen und hochgebildeten Dichters auf der anderen Seite nicht konfliktfrei. So führten der kultivierte Geschmack und die vornehme Gesinnung von Hofmannsthal zu gelegentlichen Kontroversen und Missverständnissen, wie dem informativen Briefwechsel der beiden zu entnehmen ist. In einem Brief vom 9. Oktober 1912 etwa schrieb der verärgerte Hofmannsthal über den „provinziellen Blödsinn“ eines geplanten Banketts, das nach der Aufführung der Ariadne stattfinden sollte und an dem sich jedermann für zehn Mark beteiligen konnte, unter anderem: „Ich meinerseits weigere mich schon heute, einen Abend, an den die Erinnerung mir kostbar sein soll, in der Intimität von Zeitungsschmierern und Stuttgarter Spießbürgern zuzubringen, die Ihnen und mir beim Champagner das Du antragen.“ Ihre künstlerische Zusammenarbeit war jedoch so fruchtbar und erfolgreich wie nur wenige in der Operngeschichte. Hofmannsthal legte Wert darauf, dass bei der Betrachtung das Werk im Vordergrund stehen sollte. Die Zusammenarbeit zwischen Hugo von Hofmannsthal, dem Künstler des Wortes, und Richard Strauss, dem Künstler der Töne, ist daher legendär geworden. Doch um wirksam zu werden, bedürfen diese beiden Künste einer dritten: der Kunst der Sichtbarmachung. Diese dritte Person, die für den Erfolg der Werke von Strauss und Hofmannsthal mit maßgeblich sein sollte, war der Bühnenbildner Alfred Roller.

Roller wurde am 2. Oktober 1864, im selben Jahr wie Richard Strauss, in Brünn geboren und war ein österreichischer Bühnenbildner, Maler und Grafiker. Er studierte von 1884 bis 1893 an der Wiener Akademie der bildenden Künste. 1897 war er Mitbegründer und 1902 Präsident der Wiener Secession, von der er sich aber 1905 trennte. So war er 1903 für das Bühnenbild bei der Wiener Neuinszenierung von Tristan und Isolde verantwortlich. 1909 kehrte er an die Kunstgewerbeschule als Direktor zurück und behielt diesen Posten bis 1934, einem Jahr vor seinem Tod. 1903 wurde er von Gustav Mahler als Nachfolger von Heinrich Lefler an die Wiener Hofoper geholt und reformierte in kongenialer Zusammenarbeit mit Mahler die szenische Kunst im Sinne der Idee des Gesamtkunstwerks.  Nach 1909 wirkte er unter anderem für das Burgtheater als Bühnenbildner. Roller zeichnete für die Ausstattungen sämtlicher Wiener Richard-Strauss-Erstaufführungen verantwortlich. Später kam es zu einer engen Zusammenarbeit mit Max Reinhardt, bei dem er ab 1929 auch Lehrer am Wiener Reinhardt-Seminar war. Da Gustav Mahler 1907 nach dem unglückseligen Ende an der Wiener Hofoper an die New Yorker Metropolitan Opera ging, ergab sich für Roller durch die Zusammenarbeit mit Richard Strauss und Hofmannsthal eine neue künstlerische Konstellation. Die drei wurden ein eingespieltes Team, trotz vieler Konflikte und Disharmonien.

Wie erfolgreich dieses Terzett war und wie ihre persönlichen Motive, ihre Gemütslage und Stimmungen in Bezug auf den jeweiligen Schöpfungsprozess ihrer Werke war, das zeigt die bisher unveröffentlichte Korrespondenz von über 200 Briefen, die Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal und Alfred Roller untereinander gewechselt haben. Im Benevento-Verlag ist jetzt unter dem Titel Mit dir keine Oper zu lang … dieser Briefwechsel veröffentlicht, das Buch selbst ist am 22. April 2021 erschienen, garniert mit über 200 farbigen Fotos, Bühnenbilder und Faksimiles.

Der Briefwechsel selbst ist chronologisch geordnet und beginnt mit einem ersten Brief von Hofmannsthal an Strauss, indem er ihm das Libretto eines kurzen einaktigen Balletts zur Vertonung anbietet. Der Brief ist datiert vom 14. März 1904, und Hofmannsthal war Strauss bisher nie begegnet. Der letzte Brief, datiert vom 16. September 1942, ist von Richard Strauss an Joseph Gregor, einen österreichischen Theaterwissenschaftler und Schriftsteller. Er war Direktor der Österreichischen Nationalbibliothek und verfasste drei Operntexte für Richard Strauss. Dieser Brief ist eine späte Würdigung des Schaffens von Alfred Roller. Der letzte dokumentierte Brief von Alfred Roller an Hugo von Hofmannsthal wurde am 15. Juli 1929 geschrieben, dem Todestag von Hofmannsthal. Dessen Sohn hatte zwei Tage zuvor den Freitod gewählt, und Roller wollte kondolieren. An diesem Tag erleidet von Hofmannsthal auf dem Weg zum Begräbnis seines Sohnes einen Schlaganfall und verstirbt noch am selben Abend.

Die insgesamt 205 dokumentierten Briefe umfassen eine Zeitspanne von März 1904 bis September 1942. In der Korrespondenz zwischen den drei Kunstschaffenden kann der Leser den Schöpfungsprozess vieler Werke von der Werkstatt bis zur Realisierung auf der Bühne nachvollziehen. Zusammengetragen, erläutert und kommentiert wurden diese Briefe, die auch Korrespondenzen zwischen den Ehefrauen der drei Künstler enthalten, von Christiane Mühlegger-Henhapel und Ursula Renner. Sie dokumentieren in dieser Edition eine Vielzahl von erhaltenen Briefen, Telegramme und Postkarten, die zwischen Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal und Alfred Roller gewechselt wurden. Die Korrespondenzen stehen aber nicht für sich allein, sondern werden von den beiden Autorinnen mit ausführlichen Kommentaren und Erläuterungen zu einzelnen Textstellen versehen.  Das wiederum erlaubt es dem Leser, tief in die deutsch-österreichische Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts einzutauchen, und das ist das besonders Faszinierende an diesem Buch. Einerseits sehr persönliche, private und intime Stellen, die ursprünglich natürlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren, andererseits die Entwicklung der Kunst und der Oper im frühen 20. Jahrhundert. Der Briefwechsel zwischen den Künstlern eröffnet somit auch neue Perspektiven auf die Musik- und Theatergeschichte in Österreich und Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie entstanden wegweisende Produktionen wie der Rosenkavalier oder Jedermann? Was spielte sich zur Gründungszeit der Salzburger Festspiele hinter den Kulissen ab? Denn es kommt im Kontext dieser Briefe noch eine vierte Person ins Spiel, die bei der Gründung und Eröffnung der Salzburger Festspiele maßgeblich beteiligt war und deren Einfluss bis in die heutige Zeit spürbar ist, Max Reinhardt. Hofmannsthal und Strauss bemühten sich zusammen mit dem Theatermacher Max Reinhardt und dem Operndirektor Franz Schalk ab 1917 um die Einrichtung eines jährlichen Theater- und Opernfestspiels. 1920 konnten die Salzburger Festspiele zum ersten Mal stattfinden. Hofmannsthals Jedermann unter Reinhardts Regie eröffnete die ersten Festspiele, wurde dann auch 1921 und wird seit 1926 jedes Jahr – allerdings nicht zwischen 1938 und 1945 – dort gespielt. Auch der Erste Weltkrieg hinterlässt seine Spuren, was dem damals eher spärlichen Briefwechsel zu entnehmen ist.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/Leistung
Verarbeitung
Chat-Faktor

Die beiden Herausgeberinnen dieser Briefe sind profunde Kenner der Protagonisten und ihrer Zeit. Christiane Mühlegger-Henhapel ist am Theatermuseum Wien in der Handschriftensammlung tätig und veröffentlichte zahlreiche Bücher, unter anderem zu Richard Strauss und Hans Moser. Ursula Renner-Henke ist eine deutsche Germanistin und Kulturwissenschaftlerin. Ihre Schwerpunkte liegen in der Literatur der klassischen Moderne, in den Kulturwissenschaften und dem Verhältnis von Literatur und bildender Kunst. Sie ist Mitglied der Hofmannsthal-Gesellschaft und, seit 1993, Mitherausgeberin des Hofmannsthal-Jahrbuchs. Den beiden Herausgeberinnen ist nun ein umfangreiches Zeitdokument gelungen, das tiefen Einblick in die Entstehungsprozesse vieler Opern von Richard Strauss erlaubt.

In der Einleitung des Buches wird auf die Verflechtung der drei Protagonisten untereinander und die Umstände der Zeit hingewiesen, insbesondere die Biografie des weniger bekannten Alfred Roller nimmt eine umfangreichere Darstellung ein. Der Briefwechsel nimmt insgesamt über 300 Seiten des Buches in Anspruch. Jeder Brief ist für sich einzeln abgesetzt und direkt im Anschluss mit ausführlichen Kommentierungen und Erläuterungen versehen, was für das Verständnis und die zeitliche Einordnung der Inhalte sehr wichtig ist und es auch dem Leser ermöglicht, zwischen den Briefen und den Zeiten hin- und herzuwechseln.

Was ebenfalls sehr leserfreundlich ist, sind die nebeneinanderstehenden tabellarischen Biografien von Hofmannsthal, Strauss und Roller. Auch hier kann man chronologisch und auf 20 Seiten von 1864 – dem Geburtsjahr von Strauss und Roller – bis 1952, als die postume Uraufführung von Richard Strauss letzter Oper Die Liebe der Danae bei den Salzburger Festspielen stattfand, in Stichworten das Leben und die Werke der Künstler nachlesen. Des Weiteren finden wir in diesem Buch viele Bilder und Artefakte aus jener Zeit, von denen die Bühnenbildentwürfe Alfred Rollers aufgrund ihrer Ästhetik besonders beeindrucken. Zum Schluss des Bandes gibt es zur Vervollständigung und Abrundung einen umfangreichen Anhang, bestehend aus Danksagung, editorischem Bericht, Abkürzungen, Bilddokumentation, Chronik, einer Bibliografie zu Alfred Roller, einem Literaturverzeichnis und einem Register. Das Bild des Einbandes zeigt einen Ausschnitt aus einem Foto von 1911 anlässlich der Aufführung des Rosenkavalier in Dresden, ohne die weiteren Mitwirkenden, unter ihnen Max Reinhardt, der an dem im Buch veröffentlichten Briefwechsel nicht beteiligt war. Das Originalfoto wird dafür in der Einleitung ausführlich kommentiert.

Das Buch ist für Liebhaber der Opern von Richard Strauss fast eine Pflichtlektüre, aber auch den Freunden des Theaters und Interessierten der Kunst- und Kulturgeschichte Deutschlands und Österreich und der besonderen Stellung Wiens im frühen 20. Jahrhundert sei dieser Band wärmstens empfohlen.

Andreas H. Hölscher