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Szenen einer Ehe

Es ist der Sommer 1910, der letzte Sommer im Leben Gustav Mahlers, der im Mai 1911 an einer fortschreitenden Herzerkrankung mit 50 Jahren gestorben war. Den Sommer davor verbrachte Mahler, wie schon die beiden Jahre zuvor, mit seiner Familie in Toblach in Südtirol auf einem Bauernhof, wobei er die meiste Zeit für sich allein zurückgezogen in einem kleinen Haus am See verbrachte, seinem „Komponierhäuschen“, um sich der Komposition seiner 10. Sinfonie und dem Lied von der Erde zu widmen. Es ist nicht nur der letzte gemeinsame Sommer, es ist auch der Höhepunkt seiner Ehekrise mit der fast 20 Jahre jüngeren Alma, die von der verhärmten und verbitterten Lebenseinstellung ihres Mannes genug hat und sich nach dem Treiben der Wiener Gesellschaft sehnt. In diese Zeit fällt auch eine leidenschaftliche Affäre mit dem zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Architekten Walter Gropius, Gründer des Bauhauses, und späterer Ehemann von Alma Mahler. Ein weiteres wichtiges Ereignis dieses Sommers 1910 ist die einmalige und kurze Begegnung mit dem Wiener Psychoanalytiker Siegmund Freud im holländischen Leyden. Über diese Ereignisse schreibt der Autor Lenz Koppelstätter in seinem neuen Roman Almas Sommer. Koppelstätter ist auch Autor der Spiegel-Bestseller-Kriminalreihe um den Südtiroler Polizeikommissar Johann Grauner. Er lebt mit seiner Familie in einem Weindorf südlich von Bozen, wo er auch geboren und aufgewachsen ist. Für Almas Sommer erhielt er ein Recherchestipendium des Landes Südtirol, das ihm ermöglichte, an Alma und Gustav Mahlers Wirkungsstätten in Toblach, Tobelbad, Wien und New York zu schreiben.

Der Roman beinhaltet daher fiktive Situationen, insbesondere die angespannte Beziehung zwischen Gustav und seiner Frau, verwoben mit den sehr gut recherchierten, historisch überlieferten Fakten. So ist dieser Roman etwas hybrid, eine Mischung aus Heimat- und Gesellschaftsroman mit autobiografischen Zügen. Almas Sommer hätte auch „Gustavs Sommer“ heißen können, denn Koppelstätter vermeidet den einseitigen Blick auf die am Schluss fast toxische Beziehung aus dem Blickwinkel Almas. Die Kapitel wechseln sich ab, mal ist es die fast schon überdrehte Sichtweise Almas, dann wieder der melancholische und depressive Blick Gustav Mahlers. Der leidet auch an körperlichen Beschwerden, aber seine seelischen Qualen lassen an kreatives Komponieren kaum noch denken. Seine Einsiedelei, seine Schwierigkeiten in der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen und sein schon fast hypochondrisches Gehabe machen es Alma schwer, ihren Gustav noch zu ertragen. Sie möchte sich von ihm befreien, ihren Lüsten und Leidenschaften nachgeben, die Gustav nicht befriedigen kann. Dieser Sommer im Südtiroler Toblach mit Blick auf die Dolomiten ist nur oberflächlich idyllisch, darunter lauert das Grauen einer Beziehung, deren Liebe längst erkaltet ist und die nur noch durch gesellschaftliche Normen zusammen gehalten wird.

Bezeichnend dafür ist die überlieferte Diagnose Freuds nach seinem Treffen mit Mahler: „Mahlers Frau Alma liebte ihren Vater Rudolf Schindler und konnte nur diesen Typus suchen und lieben. Mahlers Alter, das er so fürchtete, war gerade das, was ihn seiner Frau so anziehend machte. Mahler liebte seine Mutter und hat in jeder Frau deren Typus gesucht. Seine Mutter war vergrämt und leidend, und dies wollte er unbewusst auch von seiner Frau Alma.“

Koppelstätter beschreibt die Beziehung in einem bemerkenswerten Schreibstil, der dem Zeitgeist dieser Epoche nachempfunden ist. Er beleuchtet die „Szenen einer Ehe“ von beiden Seiten und begeht stilistisch nicht den Fehler, sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden oder gar Schuldzuweisungen vorzunehmen. Insofern trägt dieser Roman mehr autobiografische Züge. Alma war von Mahler als Persönlichkeit und Dirigent fasziniert. Mit seiner Musik konnte sie jedoch teilweise wenig anfangen, und in der Ehe mit Gustav vermisste sie so einiges. Mahler liebte sie anfangs zwar leidenschaftlich und innig, hatte durch sein riesiges Arbeitspensum jedoch wenig Zeit für Besuchsabende oder andere Vergnügungen und war während der Ferien vollkommen in seine Musik vertieft. Er fühlte sich als ihr „Lehrer“ in Bezug auf Weltanschauung und das Leben, was Alma wiederum tief verabscheute.

Neben durchaus komischen Situationen, die Koppelstätter beschreibt, wie zum Beispiel die männlichen Dorfbewohner Mahler betrunken machen und ihn zum Duell mit dem Nebenbuhler Gropius auffordern, sind es aber auch Situationen wie das für Mahler furchtbare Zusammentreffen mit Arturo Toscanini in New York, die in Rückblenden erzählt werden und die ein interessantes Licht auf Mahlers schwer zu durchdringende Persönlichkeitsstruktur werfen. Wagner war für ihn ein Abgott, den er nie erreichen konnte. Und dass Toscanini es wagte, Wagner zu dirigieren, war für Mahler ein Sakrileg: „Ein Italiener, der anstatt Donizetti und Verdi nun auch Wagner dirigierte. Wo kamen wir denn dahin, wenn die Italiener jetzt auch noch den Tristan dirigierten.“ Koppelstätter beschreibt außerordentlich klar und prägnant Mahlers Minderwertigkeitskomplexe, sein Buhlen um gesellschaftliche Anerkennung als ein zum Christentum konvertierter Jude, sein Streben nach musikalischer Perfektion im Ausdruck, und wie er unter dem Erbe seiner großen Vorbilder Beethoven, Brahms und Wagner leidet. Aber es ist kein Musikroman, den Koppelstätter hier vorlegt. Wenn er Almas Gedanken niederschreibt, als Mahler einen fälschlicherweise an ihn adressierten Brief von Gropius an Alma öffnet und in Schockstarre versinkt: „Sie ertrug die Stille nicht, doch sie traute sich ebenso wenig, sie zu beenden. Sie glaubte, seinen Atem zu hören, sie glaubte, den Schatten seiner Brust sich heben und senken zu sehen. Selbst wagte sie kaum zu atmen, sog die Luft nur vorsichtig durch ihren halb geöffneten Mund. Bald hörte sie ein Klappern, erst dachte sie, es käme von draußen rein, dann wurde ihr bewusst, dass es Gustav war. Seine Zähne klapperten. Er fror wohl. Ob er schlief oder wach war. Wusste sie nicht.“ Das ist schon zutiefst menschlich.

Koppelstätters Kurzroman mit insgesamt 208 Seiten ist ein kurzweiliges Porträt zweier unterschiedlicher Menschen, deren Beziehung an einem endgültigen Scheideweg steht. Es ist ein künstlerisches Kurzporträt eines der bedeutendsten Komponisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und seiner extrovertierten und so gar nicht zu ihm passenden Gattin. Man muss nicht zwangsläufig Kenner oder Liebhaber von Gustav Mahlers Musik sein, um den Roman zu lesen oder zu verstehen. Aber wer sich schon näher mit Mahler, seinem Leben und seinen Werken beschäftigt hat, für den ist dieser Roman eine lesenswerte Ergänzung oder ein schönes Präsent.

Andreas H. Hölscher