O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Lebensweisheiten

Wenn eine bekannte Persönlichkeit einen großen runden Geburtstag feiert, dann wird nicht nur viel über ihn berichtet und die Stationen des beruflichen Werdegangs rauf- und runtergebetet, oftmals erscheinen dann auch passend die Biografien, manchmal mehr Selbstdarstellung als neuer Erkenntnisgewinn. Wohltuend anders ist das bei Kent Nagano der Fall. Der amerikanische Dirigent mit japanischen Wurzeln feierte am 22. November seinen 70. Geburtstag, und auf vielen Klassik-Kanälen waren diverse Aufnahmen von ihm mit unterschiedlichen Orchestern zu hören. Wenige Wochen zuvor war ein Buch von ihm erschienen, das den bezeichnenden Titel 10 Lessons of my Life trägt. Und dieses Buch ist keine der üblichen Standardbiografien, in denen in chronologischer Reihenfolge die Lebensstationen abgearbeitet werden, sondern es ist eigentlich eine Hommage an zehn ganz unterschiedliche Künstler und Persönlichkeiten, die Nagano in den zurückliegenden 45 Jahren seiner beruflichen Tätigkeit kennenlernen durfte. Diese Künstler haben ihn inspiriert, geprägt, gefordert und gefördert, und sie haben ihn jeweils auch eine Weisheit mit auf den Weg gegeben. Und so sind es weniger zehn „Lektionen“, wenn man den Titel wörtlich übersetzt, sondern „Lebensweisheiten“, die den Musiker, Künstler, Dirigenten und Menschen Kent Nagano tief geprägt haben und die alle einen Anteil haben an seinen Erfolgen und an seiner exponierten künstlerischen Stellung in der Welt der klassischen Musik. Mit diesen Künstlern verbindet oder verband Nagano nicht nur eine künstlerische Freundschaft, sondern teilweise auch sehr menschliche Verbindung. Die ausführliche Beschreibung dieser Lebensweisheiten ist dabei auch ein künstlerisches Zeitzeugnis, in der Nagano sich selbst vornehm zurückhält und diese Künstler in den Vordergrund stellt. Und doch erkennt man als Leser schnell, wie wichtig der Einfluss dieser gar so unterschiedlichen Persönlichkeiten war und ist, und welche Auswirkungen diese Beziehungen auf seine eigene künstlerische Entwicklung genommen haben. Und noch eins wird augenscheinlich, wie so oft im richtigen Leben. Es nützt die beste Begabung und die härteste Arbeit nichts, wenn man nicht mit dem Glück im Bunde ist, manchmal auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. In dieser Hinsicht kam bei Nagano alles zusammen: Das Talent, die Wissbegier, die harte Arbeit und das nötige Quantum Glück oder Zufall.

Nagano wuchs in Morro Bay, Kalifornien auf. Von 1970 bis 1974 studierte Nagano zunächst an der Universität von Santa Cruz Soziologie und Musik. Er setzte sein Studium in San Francisco bis 1978 fort. Hier lernte er bei dem emigrierten legendären László Varga, einem Cellisten, der unter anderem auch bei den New Yorker Philharmonikern Mitglied war. Nebenbei dirigierte Nagano an der Universität Werke seiner Kommilitonen. Nach seinem Studium ging er als Korrepetitor an die Oper in Boston. Seine Verehrung für Olivier Messiaen führte bald zu einer Freundschaft mit ihm. Nagano wurde 1984 international bekannt, als Messiaen Seiji Ozawa empfahl, ihn bei der Vorbereitung zur Premiere seiner einzigen Oper Saint François d’Assise assistieren zu lassen. Die nur selten aufgeführte Oper dirigierte er dann 1998 selbst bei den Salzburger Festspielen. Mittlerweile hat er das gesamte Konzertwerk Messiaens auf Tonträger eingespielt. Ab 1984 dirigierte er das Bostoner Sinfonie-Orchester. Seine Karriere setzte er 1989 in Lyon fort, wo er bis 1998 als musikalischer Leiter der Opéra National de Lyon diese zur zweitwichtigsten Opernbühne Frankreichs machte. 1994 gab er sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York mit Francis Poulencs Dialogues des Carmélites. 2000 übernahm Nagano die künstlerische Leitung des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin, und von 2006 bis 2013 leitete Nagano als Generalmusikdirektor die Bayerische Staatsoper. Seit 2015 ist er Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Das nun im Berlin-Verlag erschienene Buch 10 Lessons of my Life beschreibt, wie sein musikalischer Lebensweg und sein künstlerischer Erfolg mit zehn Menschen auf ganz unterschiedliche Art und Weise verbunden ist. Jedem dieser zehn Künstlerpersönlichkeiten ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das mit der jeweiligen „Lebensweisheit“ untertitelt ist und mit einem Zitat dieses Künstlers beginnt.

Seine erste Lektion lernt Nagano von Sarah Caldwell und muss dabei erkennen, „dass Demut schmerzhaft ist“. Caldwell war eine US-amerikanische Opern-Dirigentin und Opernleiterin. Sie galt als Wunderkind, und gab schon im Alter von zehn Jahren erste öffentliche Violinkonzerte. 1957 eröffnete sie die Opera Company of Boston als Gründungsdirektorin, mit der sie als Leiterin verschiedenste Produktionen auf die Bühne brachte. Sie wurde damit auch für ihre Variationen von „Klassikern“ der Oper bekannt. 1974 durfte sie als zweite Frau dem New York Philharmonic Orchestra als Gastdirigentin vorstehen, 1976 war Caldwell die erste Dirigentin der Metropolitan Opera. Sie trat mit dem New York Philharmonic Orchestra, dem Pittsburgh Symphony Orchestra und dem Boston Symphony Orchestra auf. 1977 wurde sie in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen, das Time Magazine ehrte sie mit der Bezeichnung „Music’s Wonder Woman“. Bei Sarah Caldwell und der Boston Opera Group fand Nagano nach dem Studium seine erste Anstellung. Es waren die klassischen Lehrjahre als Korrepetitor und Faktotum, für alles zuständig, Tag und Nacht, und mit einer Wochengage von 59 Dollar nicht gerade auf Wolken gebettet. Nagano wollte von Caldwell das Dirigieren lernen, doch er lernte vieles, nur nicht das Dirigieren. Die erste Lebensweisheit, die ihn prägte, war die Erkenntnis, dass das Leben eines Künstlers eine niemals versiegende Energie verlangt, und das 24 Stunden an sieben Tagen der Woche. Und so war Demut die erste große Lektion, die der junge und ambitionierte Dirigent Nagano erlernte, die ihn aber für seinen weiteren beruflichen Weg prägen sollte.

Einer der wichtigsten Lehrer und Förderer von Nagano wurde Leonard Bernstein, selbst ein Dirigent und Komponist von Weltrang. Von Bernstein lernte Nagano, „dass es keine endgültigen Antworten gibt“. Bernstein sah die Gefahr bei jungen Dirigenten, dass diese sich aus Ehrfurcht vor der Komposition oder auch aus Unwissenheit auf ein „mechanistisches Dirigat“ zurückzögen, ohne die Tiefe der Komposition zu durchdringen. Beim gemeinsamen Erarbeiten am Klavier der Pathétique, der Sinfonie Nr. 6 in h-Moll von Pjotr Tschaikowsky, die der Komponist im Oktober 1893 neun Tage vor seinem Tod in St. Petersburg uraufgeführt hatte, fragte Bernstein Nagano, warum er an einer bestimmten Stelle ein „Fis“ gespielt hätte. Naganos Antwort war simpel: „weil es so in der Partitur steht“. Doch Bernstein wollte wissen, warum Tschaikowsky sich an dieser Stelle ein Fis und nicht für ein As entschieden habe. Hat Tschaikowsky gar einen Fehler gemacht oder war es nur ein Druckfehler in der Partitur? Diese Frage trieb dem jungen Dirigenten Nagano nicht nur die Schweißperlen auf die Stirne, sondern verunsicherte ihn in höchstem Maße, weil er Bernstein keine zufriedenstellende Antwort geben konnte und ihm sein „Unwissen“ aufs äußerte peinlich war. Am Ende musste Nagano zugeben, dass er nicht wusste, warum es ein Fis und kein As sein muss. Bernsteins Antwort darauf war verblüffend simpel: „Damn it! Verdammtes Fis, warum da ausgerechnet ein Fis steht, das weiß ich auch nicht.“ Diese Unterrichtsstunde war für Nagano eine Stunde fürs Leben. „Wenn ein Dirigent nicht wenigstens in dem Moment, in dem er ein Werk dirigiert, davon überzeugt ist, dass ein notiertes Fis die richtige und nicht die falsche Note ist, dann hat er auch keine Berechtigung, vor einem Orchester zu stehen, dann fehlt seiner Führung die Substanz“. Für Nagano war die wichtigste Erkenntnis, dass, wenn man jemals aufhört, Fragen zu stellen oder Sachverhalte infrage zu stellen, oder man meint, die endgültige Antwort gefunden zu haben und sich mit dem Status quo zufriedengibt, man genau dann aufhören solle, Musik zu machen.

Zwei weitere große zeitgenössische Komponisten sollten Nagano stark prägen. Es waren Oliver Messiaen und Pierre Boulez. Zu Messiaen, ein Schüler Arnold Schönbergs, kam Nagano über Yvonne Loriod, einer französischen Pianistin und zweite Ehefrau von Messiaen. Bei ihr war Nagano in Paris als Klavierschüler, und so lernte er Messiaen persönlich kennen und dessen Kompositionen zu lieben, die im Laufe seines Berufslebens eine wichtige Rolle spielen sollten. Von Boulez, einem Schüler Messiaens, war Nagano ob dessen rebellischer und avantgardistischer Haltung begeistert. Mit ihm kam er auch zum ersten Mal mit dem Thema der „historisch informierten Aufführungspraxis“ in Berührung. Von Boulez lernte Nagano, „wovon Komponisten träumen“. Einem Komponisten „treu zu bleiben“, das lernte Kent Nagano von dem großen Pianisten Alfred Brendel, dem er mit großer Ehrfurcht und Respekt begegnet ist.

Doch es sind nicht nur die großen Persönlichkeiten der Klassik-Szene, die Nagano geprägt haben, es sind auch Künstler, die man primär nicht mit diesem Genre assoziieren würde. Der eine war der Rockmusiker Frank Zappa, der selbst, was die wenigsten wissen, symphonische Musik geschrieben hat und die Nagano in einer sehr intensiven Zusammenarbeit zur Aufführung brachte. Da war Zappa schon längst ein Star, und Nagano noch völlig unbekannt. Von Zappa lernte Nagano, „dass wahre Künstler nicht taktieren“. Es war seine kürzeste „Life Lesson“, denn innerhalb von 15 Sekunden musste er entscheiden, ob er das Angebot Zappas annehmen sollte, dessen Werke auf die Bühne zu bringen. Keine leichte Entscheidung für einen unbekannten Dirigenten am Anfang seiner Karriere, der sich mit diesem Projekt hätte auch schaden können. Doch Nagano hörte auf seinen Bauch und stimmte zu, eine im Nachhinein kluge Entscheidung. Eine andere Bauchentscheidung traf Nagano im Flugzeug und lernte dabei „den Zufall ernst zu nehmen“. Er war auf der Suche nach der idealen Stimme für eine Aufführung von Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire. Bei der Uraufführung 1912 sprach die Diseuse Albertine Zehme den Text, diese Aufnahme ist erhalten. Wie die Stimme des Pierrot klingen solle, das hat Nagano zeitlebens umgetrieben. Dann sieht er im Flugzeug einen animierten Videoclip und ist hin und weg von dieser Stimme und weiß in diesem Moment, die ideale Stimme für seinen Pierrot gefunden zu haben. Das Bordmagazin wies die Stimme als der isländischen Pop-Ikone Björk zugehörig. Nagano beschreibt sehr plastisch, wie er diese Stimme empfunden hatte, und wie er einfach einen Brief an ihre Plattenfirma schrieb und ihr den Pierrot angeboten hatte. Tatsächlich kommt nicht nur ein Treffen, sondern eine für Nagano berückende Aufführung dieses Werkes mit Björk in der Titelrolle zustande. Und wieder einmal hat Nagano bewiesen, dass es nur die Kleinigkeiten sind, die die Grenzen zwischen E- und U-Musik verschwimmen lassen.

Ein spannendes Kapitel ist Jean-Pierre Brossmann gewidmet, vom dem er lernte, nicht am Geld zu verzweifeln. Brossmann war Intendant an der Opéra de Lyon, an der Nagano ab 1989 sein Engagement als Generalmusikdirektor antrat. Eine zweiwöchige Konzertreise in die USA mit dem kompletten Orchester-Ensemble, einschließlich Chor und Ballett, sollte ein Höhepunkt werden. Eine eigentlich utopische Idee, die aufgrund der hohen Kosten nicht zu realisieren war. Doch Brossmann war ein Mensch, der, wenn er fest an etwas glaubte, mit viel Überzeugungskunst und Charme auch die unmöglichsten Dinge realisierte. Brossmann hatte es geschafft, dass die Opéra de Lyon zum 50. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen am 26. Juni 1995 als exklusives Orchester in San Francisco, der Heimatstadt Kent Naganos, auftreten durfte. Damit konnten weitere Geldquellen angezapft werden, und obwohl das Budget der Opéra überzogen werden musste, konnte die Reise und die Konzerttournee realisiert werden. Dieses Kapitel ist besonders humorvoll beschrieben und zeigt, was möglich ist, wenn man nur daran glaubt.

Eine wichtige Lektion erhielt Nagano von dem amerikanischen Nobelpreisträger für Physik, Donald Arthur Glaser, der ihn lehrte, „dass aufzugeben eine hohe Kunst sei“. Glaser war ein US-amerikanischer Physiker, Molekularbiologe, Neurobiologe und Nobelpreisträger. Und er war Bratschist, nicht professionell, aber voller Leidenschaft. Das Instrument hat auch Kent Nagano erlernt, und bei einem zufälligen Treffen kamen die beiden über das Instrument und die Kammermusik ins Gespräch. Was Nagano an Glaser beeindruckte, war dessen Fähigkeit, den Begriff „Aufgeben“ als positiv zu belegen, um etwas Neues zu beginnen. Der Forschungsschwerpunkt Glasers in seinen frühen Jahren lag im Bereich der Elementarteilchenphysik, wobei sein Interesse in den experimentellen Techniken lag, die in diesem Bereich hilfreich sein könnten. So konstruierte er mehrere Diffusions-Nebelkammern und Funkenzähler und entwickelte die Ideen, die 1952 in die Erfindung der „Blasenkammer“ mündeten und wofür er 1960 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde.  Danach wandte sich Glaser dem Gebiet der Molekularbiologie zu, das ihn bereits seit seinem Studium interessiert hatte. Nachdem durch die Erkenntnis, dass die DNA und RNA von Mikroorganismen genauso aufgebaut ist wie die höherentwickelter Lebewesen, die Grundlagen der modernen Biotechnologie gelegt waren, untersuchte Glaser mit seinen Studenten die Kontrollmechanismen der DNA-Synthese in Bakterien. Als Glaser um 1970 feststellte, dass die Molekularbiologie zwar ein sehr detailliertes Wissen bereitstellte, das aber kaum in der Medizin oder anderen Bereichen angewandt wurde, gründete er mit zwei Freunden das erste Biotechnologie-Unternehmen. Damit begründete er einen Industriezweig, der große Auswirkungen auf Medizin und Landwirtschaft hat, und ihre Mitarbeiter entwickelten später unter anderem die erste praktikable Polymerase-Kettenreaktion (PCR), die heute Standard ist bei Laboruntersuchungen auf Virus-Antigene und in der Corona-Pandemie millionenfach eingesetzt wird. Für Nagano war es Glasers Fähigkeit, zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, etwas loszulassen. Glaser ist einer der wenigen Menschen, der Nagano alleine durch seinen Lebensweg Einsicht in die Wahrheit eines seiner Lebensprinzipien vermittelt hat, eine für ihn ganz wichtige Lebensweisheit.

Eine ganz besondere Lektion, nämlich „dass Integrität harte Arbeit ist“, lernte er von dem Korrepetitor und ehemaligen Studienleiter der Bayerischen Staatsoper München, Richard Trimborn. Es ist vielleicht das persönlichste und emotionalste Kapitel in diesem Buch. Trimborn studierte in Düsseldorf Komposition, Kirchenmusik, Dirigieren und Orgel. Er begann als Korrepetitor an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, dann wurde er Studienleiter am Opernhaus Kiel, schließlich 1983 in München und Bayreuth. Er wirkte als „graue Eminenz“ in vielen bedeutenden Opernhäusern und Musikfestivals. Dirigenten wie Karl Böhm, Lorin Maazel, Claudio Abbado, Wolfgang Sawallisch, Daniel Barenboim, Zubin Mehta und andere verließen sich auf seine Vorbereitungsarbeit mit den Sängern, insbesondere hinsichtlich Phrasierung, richtiger Aussprache und geistiger Durchdringung einer Partie. Er hatte große Verdienste um die Vorbereitung von Uraufführungen, etwa Pendereckis Ubu Rex oder Henzes Prinz von Homburg. Trimborn war eine unangefochtene Autorität bei zahlreichen Produktionen von Wagner-Opern und hatte vielfach entscheidenden Anteil am Erfolg namhafter Wagner-Sänger. Er war jahrelang Studienleiter der Bayreuther Festspiele und der Münchner Staatsoper, bezeichnete sich aber stets nur bescheiden als Korrepetitor. Er selbst sagte mal über seine Profession: „Der Korrepetitor ist ein Wächter; je höher seine Qualität ist, umso größer wird auch die Qualität des Bewachten sein.“ Trimborn war Nagano von Wolfgang Sawallisch empfohlen worden, als dieser 2006 das Amt als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper München übernahm. Die Werke Wagners und Strauss‘ waren Nagano natürlich geläufig und gehörten zu seinem Repertoire, aber in der Zusammenarbeit mit Richard Trimborn sah er für sich die einmalige Möglichkeit, ganz tief in das Verständnis und die geistigen Strukturen dieser Werke einzutauchen. Und so entspannte sich für Nagano während seiner Amtszeit in München eine mehrjährige künstlerisch wertvolle und inspirative Zusammenarbeit und darüber hinaus eine tiefe menschliche Verbundenheit. Mit größter Hochachtung und Respekt spricht der Dirigent Nagano von dem Korrepetitor Trimborn, mit dem er oft stundenlang die Wagnerschen Partituren durchnahm und von dem er lernte, wie farbenreich, tiefgründig und auch provokant die Harmoniefolgen mit seiner Musik gezeichnet waren und welch tiefere Bedeutung ihnen zugeordnet war. Über mehrere Seiten beschreibt Nagano einen Dialog mit Trimborn, nachdem der mittlerweile über achtzigjährige Korrepetitor gefragt hatte, „warum er immer noch zu ihm käme, er könne doch alles, und er könne Wagner sehr gut dirigieren.“ Nagano führte aus, dass er dahinkommen wolle zu verstehen, was sich Wagner selbst erhoffte, als er seine Noten zu Papier brachte. Er sagte: „Ich will nicht nur wissen, wie Wagner klingen muss, ich will wissen, was er für eine Vorstellung vom Klang seiner Musik gehabt haben könnte. Genau dafür brauche ich Sie.“ Nagano war auf der Suche nach der Wahrheit, bei der Trimborn ihm behilflich sein sollte. Trimborns Antwort war so simpel wie desillusioniert. Die Wahrheit habe keine Bedeutung, den Menschen wäre sie egal, weil sie sich nicht drum scheren und die Zuhörer sie auch nicht hören würden. Vielleicht gäbe es im Publikum zwei, drei Menschen, die ihm zuhören würden und die in seiner Arbeit erkennen würden, dass er auf der Suche nach der Wahrheit sei. Aber für diese drei Menschen würde es sich lohnen, die Mühe auf sich zu nehmen, „um ihnen eine Vorstellung zu bieten, die hinsichtlich ihrer musikalischen Qualität und künstlerischen Integrität keine Kompromisse eingegangen ist“. Eine der wichtigsten Lebenslektionen für Nagano war die Erkenntnis, dass Fragen wichtiger sind als Antworten. Nagano beschreibt seine Zusammenarbeit mit Trimborn sehr persönlich, so dass man als Leser sofort erkennt, dieser Mensch und Künstler hat Nagano viel bedeutet und viel gegeben.

Das ist auch das Fazit dieses Buches. Es ist keine Autobiografie im herkömmlichen Sinne, sondern die Aufarbeitung eines künstlerischen Werdeganges anhand von Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Art, die Nagano alle auf ihre persönliche Art und Weise Begleiter, Ratgeber, Mentor, Kritiker, Förderer, Inspirator und menschlicher Begleiter geworden sind und alle einen Anteil an dem erfolgreichen Berufsweg Naganos gehabt haben. In der Zusammenarbeit mit Inge Kloepfer ist das Buch vom Stil sehr eingängig und verständlich geschrieben. Man muss nicht zwangsläufig Klassik- oder Musikexperte sein, um dieses Buch zu lesen. Eine Portion Neugier, etwas geschichtliches Interesse, und man findet ein reiches Portfolio an Geschichten in diesem Buch. Am Schluss sind neben der Danksagung auch Zitate und empfohlene Quellen zu den einzelnen Kapiteln aufgeführt. Wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht für einen Menschen, der Klassische Musik und Zeitgeschichtliches gleichermaßen mag oder sich selbst damit eine Freude machen möchte, der liegt mit Kent Naganos Buch 10 Lessons of my Life genau richtig.

Andreas H. Hölscher